Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 252 (sequence 259)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 252 — nach Palästina ziehen werde, können wir bis in die Ewigkeit warten, wenn wir nichts dazu tun, um dieses Privatinteresse anzuregen, ihm den Weg vorzubereiten. (Lebhafter Beifall.) Die tausend Arbeiter, die wir in den letzten Jahren aus Europa nach Palästina gezogen haben, verdienen in Palästina 50 Frcs. monatlich im Durchschnitte. Glauben Sie, daß sie diese 50 Frcs. nicht auch in Amerika oder in Rußland hätten verdienen können? Glauben Sie, diese Leute kämen wegen dieser materiellen Löhne hin? Absolut nicht. Amerika ist noch immer, vom ökonomischen Standpunkte aus, ein besseres Land als Palästina. Wir müssen gerade durch unsere Tätigkeit dort der Privatinitiative etwas an die Hand geben, was sie trotz der besseren Bedingungen Amerikas nach Palästina zieht. Da kann man nicht einfach darauf warten, daß das die Privatinitiative selbst tue. Das kann nur von einer Organisation geschehen, und natürlich nicht nach kaufmännischen Grundsätzen — das käme mir vor, wie Münchhausen, der sich an seinem eigenen Zopfe in die Höhe zieht —, sondern nur so, daß sie eventuell Opfer bringt, um nachher für diese Opfer durch vermehrtes Eingreifen der Privatinitiative reichliche Früchte zu ernten. Herr Kann ruft fortgesetzt: Ja, ich habe ja nichts gegen die Arbeit, aber die Arbeit muß ordentlich sein oder „kaufmännisch", wie er sagt, und sie muß vorsichtig sein. Ich habe einmal gehört, daß ein Dachdecker ruhig seines gefährlichen Amtes auf dem Dache waltete. Da kam ein Mann auf der Straße und rief ihm zu: Vorsicht! Vorsicht! Der Dachdecker wurde natürlich in seiner Arbeit irritiert, er wußte nicht mehr, wovor er sich vorsehen sollte, und mit allen diesen Vorsichtsrufen wurde nur erreicht, daß der (Dachdecker vom Dache herunterfiel. So ist es, wenn man unserer noch ganz jungen und embryonalen Arbeit fortgesetzt „Vorsicht!" zuruft und sie dadurch stört. Was ist denn in Palästina schon geschehen? Gegen die Landkäufe und Verkäufe an Private kann ja niemand etwas haben. Wogegen hat man also etwas? Daß wir Farmen eingerichtet haben! Meine Herren! Was sind denn vier Farmen in Palästina? Was bedeutet es denn sogar, wenn wir in diesen Farmen 100 000 und 200 000 Mark verloren hätten? Verstehen Sie nicht, daß ein oder zwei Arbeiter, die fast jedes Jahr bei der Okkupation von Boden in Palästina ihr Leben lassen, viel mehr bedeuten müssen, als dieses Geld? (Lebhafter Beifall.) Herr Kann sollte von seinem Landsmann Spinoza etwas lernen, der gelehrt hat, die Dinge sub specie aeternitatis anzusehen. Deswegen dürfen wir die Dinge nicht darauf ansehen, ob am Ende des Jahres ein Profit herausspringt oder nicht. Wir müssen sie darauf ansehen, ob Ewigkeitswerte in ihnen enthalten sind, ob von ihnen eine Befruchtung für alle Zukunft zu erwarten ist. (Stürmischer Beifall.) Herr Kann ist in der Bank an seinem Platze. Ich glaube, wenn wir dort Herrn Kann nicht hätten, müßten wir uns ihn erfinden. Aber Herr Kann, es ist ein Zeichen weiser Selbstbeschränkung, daß man die Grenzen seiner Fähigkeiten erkennt. Ihre Kritik hat einen einzigen Fehler: Es fehlt Ihnen die Selbstkritik dabei. Sie sollen verstehen, daß man in kaufmännischen Dingen ein sehr guter Kopf sein kann und doch in weiter liegenden Fragen gar keine größere Autorität beanspruchen kann, als irgendein Kolonist oder ein Arbeiter in Palästina. (Beifall.) Da ich schon einmal einen Philosophen zitiert habe, will ich noch einen Philosophen anführen. Als Immanuel Kant zum ersten Male mit seiner grundstürzenden neuen Philosophie ans Tageslicht trat, kamen die alten Professoren und sagten: Das stimmt nicht. Unser gesunder Menschenverstand, der sagt das Richtige. Das war der gesunde Menschenverstand, wie ihn der Kaufmann auch hat. Diarauf hat Kant ein gutes Wort gebraucht. (Rufe: Kant oder Kann?) Kant! Kant! (Schallende.