Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 242)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 235 — Zwischen uns ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein quantitativer Unterschied! ihr Wunsch befindet sich noch im Schlummerzustande. Herr Kann, wir verlangen aber von Ihnen, Sie sollen wollen, denn begreifen Sie: In der ganzen Palästina-Arbeit kommt etwas zum Ausdrucke: die jüdische Nation sucht wieder den verlorenen Zusammenhang zwischen Boden und Menschen zu finden, um sie wieder aufs neue zusammenzuschmieden. (Stürmischer Beifall.) Sie haben auch von Merchawia gesprochen, und da muß ich konstatieren: Ich finde Ihre Weltanschauung zu kaltblütig. Sie haben nichts vom Orientalismus, und mit solcher Kaltblütigkeit können wir nicht weit kommen. Denn, wenn wir das Streben nach dem Orient haben, müssen wir auch die Sehnsucht haben. Kalte Sehnsucht gibt es nicht. (Lebhafter Beifall.) Aber eines, Herr Kann, haben Sie von den Arabern gelernt: Schwoj! Schwoj! — Langsam! Langsam! (Schallende Heiterkeit.) Nun sagen Sie es auch immer und warnen. Man hat gesagt, wir hätten die Jemeniten zu Propagandazwecken ausgenützt. Meine Herren, wir haben gesehen, unter welchen Bedingungen sie in Jemen gelebt haben, wo sie der Willkür ganz und gar ausgesetzt sind. Kennen Sie das Wort: Kol hamkajen nephesch, achat? Wenn man einen rettet, hat es eine Bedeutung, und hier handelt es sich um Tausende von Brüdern, die ihre Selbständigkeit viel später als wir verloren haben, und die noch mehr unterdrückt sind als wir. Wir sind zu ihnen gegangen und haben gesehen, unter welchen Verhältnissen sie leben. Wir haben es der Welt verkündet und erzählt, und man hat Häuser für sie gebaut. Was ist übertrieben? Wo haben wir sie ausgenützt0 Haben wir sie zum Kongreß gebracht und zur Schau ausgestellt? Nein, wir haben ihnen Arbeit, ihnen Kolonien gegeben, sie sollen sich den Verhältnissen anpassen, sollen unter Brüdern leben. Das soll sich als etwas Negatives darstellen? Diese Warnung begreife ich nicht! Es ist doch ein Glück, wenn man die Jemeniten nach Palästina bringt, bringt man sie aus dem Golus in ein schönes, freies Land, und Palästina ist doch für sie viel näher als Amerika für die russischen Juden. (Lebhafter Beifall.) Und daraus soll man uns einen Vorwurf machen? Wären wir imstande, gewesen, sämtliche Juden aus Jemen dahin zu bringen — und nicht nur die aus Jemen — wir hätten es getan, und wenn wir uns an andere wenden, die nicht Zionisten sind, so haben wir ein moralisches Recht dazu; denn das sind unsere Brüder und Palästina braucht sie. Man hat auch von den Unternehmungen gesprochen, die mißglückt sind. Ich habe mich gefreut: Herr Kann nähert sich doch unserer Anschauung. Er hat sich heute nicht so lange bei der Oelbaumspende und anderen Sachen aufhalten wollen, aber der Kongreß und die zionistische Organisation muß sich auf einen anderen Standpunkt stellen. . Bevor man noch im gelobten Lande war, bestieg Moses den Berg Nebo und sagte, ich will das Land überblicken, nur von der Ferne überblicken. Wenn wir in Palästina sein werden, und Herr Kann wird seinen Boden dort erworben haben — und er ist uns sehr willkommen — werden wir über die Einzelheiten so eingehend verhandeln, wie Sie es jetzt tun. Sind wir aber noch nicht in Hanewer Hajarden, so können wir nur den Berg ersteigen und den Prozeß überblicken. Wenn wir aber aus der Ferne alles durch eine Lupe betrachten. wollen, geht uns alles verloren. (Lebhafte Zustimmung.) Man wird in eine Stimmung versetzt, als ob wir uns wirklich versammeln, um Rechnungen aufzustellen, wieviel wird der Oelbaum kosten, wieviel haben wir mehr gezahlt, wieviel kostet der Hausbau usw. Ich habe Palästina oft besucht, vor drei Jahren war ich dort und jetzt wieder, und ich habe den Unterschied kaum erfassen können, — denn so gewaltig ist der Unterschied. Meinen Sie, eine Sprache könnte lebendig werden.