Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 219)
- Language
- German, English, Hebrew
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zu rechnen. Palästina selbst hat bei der Bedürfnislosigkeit seiner arabischen Bevölkerung einen geringen Inlandsverbrauch; eine große Industrie kann also nicht allein auf dem palästinensischen Konsum fußen, sondern muß die europäische Konkurrenz auch auf dem außerpaiästinensischen Markte aushalten können. Es ist vielfach die Ansicht verbreitet, Palästina könne diese Konkurrenz deshalb ertragen, weil der Arbeitslohn sehr niedrig sei. Das ist aber durchaus nicht richtig. Die Lebenshaltung in Palästina ist im Durchschnitt kaum billiger als in einer europäischen Kleinstadt, und deshalb ist der Arbeitslohn, auch absolut genommen, gar nicht so sehr niedrig. Im Verhältnis zu anderen orientalischen Ländern, wo schlecht bezahlte Kinderarbeit eine große Rolle spielt, ist der Lohn sogar recht hoch. So arbeiten zum Beispiel in Damascus und Urfa Kinder und Frauen zu wahren Hungerlöhnen, 1—3 Francs wöchentlich. Noch ungünstiger wird das Verhältnis aber dadurch, daß die Arbeit wenig produktiv ist. Der palästinensische Industriearbeiter hält mit dem geschulten europäischen Industriearbeiter keinen Vergleich aus. Auf die Niedrigkeit des Arbeitslohnes allein läßt sich also eine Industrie nicht gründen, es müssen mindestens noch andere Vorteile hinzukommen, wie zum Beispiel Nähe oder Billigkeit der Rohmaterialien, Schwierigkeit des Imports der Waren aus anderen Ländern infolge großen Volumens, Zerbrechlichkeit oder geringe Haltbarkeit des Produktes oder endlich Affektionswert der Waren wegen "ihrer palästinensischen Provenienz oder ihres eigenartigen Stils. Wo diese natürlichen Vorteile nicht hinzukommen, wird bei dem geringen Einfuhrzolle von 11 o/o sogar in Palästina und der Türkei selbst, ganz abgesehen von anderen Ländern, das Ausland die meisten Industrieprodukte billiger nach Palästina importieren, als sie in Palästina selbst hergestellt werden könnten. Erstens hat das Ausland die wichtigsten aller industriellen Hilfsstoffe, Eisen und Kohle, während sie in Palästina fehlen. Sodann sind die Vorteile, die ein industriell entwickeltes Land infolge guter Verkehrsmittel und des Vorhandenseins eines großen Reservoirs von geschulten Arbeitern und Technikern hat, sehr groß und wiegen die 11 % Einfuhrzoll in den meisten Fällen auf. Ich kann mich deshalb zu meinem großen Leidwesen denjenigen nicht anschließen, welche große industrielle Möglichkeiten in Palästina sehen und darauf die Hoffnung setzen, daß eine Massenimmigration nach Palästina in absehbarer Zeit möglich ist. Im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre sind viele industrielle Projekte erwogen worden. Manche erschienen beim ersten Ansehen sogar sehr verlockend. Aber bei genauer Prüfung haben die Projekte regelmäßig sich als unausführbar oder wenigstens als außerordentlich riskant erwiesen. Das schließt natürlich nicht aus, daß doch noch der eine oder andere Fabrikationszweig sich als rentabel herausstellen wird. Selbstverständlich müssen alle Anregungen sorgfältig geprüft werden. Ich fürchte nicht den Vorwurf, daß wir zu viel tun; aber der Vorwurf, daß wir zu wenig tun -und Gelegenheiten verpassen, würde mich, wenn er berechtigt ist, tief treffen. Viel aussichtsreicher als eigentlich industrielle Unternehmungen erscheint die sogenannte Fremdenindustrie, von der ja ein Land, wie die Schweiz, so ungeheure Einnahmen zieht. Wie Aegypten in den letzten 20 Jahren ein Reiseziel ersten Ranges geworden ist,