Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 210)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 203 — Immobiliengesellschaft zum Beispiel beweisen, daß wir das gar nicht schlecht verstehen. Aber nur jemand, der ganz und gai im kaufmännischen Getriebe verstrickt ist und über den Profithorizont nicht hinausblicken kann, kann verlangen, daß dieser Profitstandpunkt auch in unserer ganzen kolonisatorischen Arbeit maßgebend sei. Ich sehe zum Beispiel in der Ausbildung von Arbeitern oder in der oben erwähnten Neubelebung einer Kolonie, die in den Büchern des Kaufmannes natürlich gar keinen Wert haben, Aktivposten von größtem Werte. (Lebhafter Beifall.) Ich kann es mit jgrößter Bestimmtheit sagen: diefürden Kaufmann profitabelsten Unternehmungen in Palästina sind häufig für unsere nationale Auifgabe die unprofitaibelsten; und umgekehrt sind viele kaufmännisch unprofitable Unternehmungen von höchstem nationalem Wert. (Lebhafter Beifall.) Ich verstehe überhaupt nicht, wie man sich vorstellen kann, daß eine Tätigkeit, die zum größten Teile darauf gerichtet ist, die Juden beruflich umzuschichten und aus Städtern zu Landwirten zu machen, nach Profitrücksichten geleitet werden kann. (Sehr richtig!) Mit demselben Rechte könnte man verlangen, daß unsere Schulen Dividende zahlen. (Lebhafter Beifall.) Ich verstehe aber auch nicht, wie man glauben kann, daß eine s o gigantische Aufgabe, wie. es die Heranbildung von städtischen Juden zur Landwirtschaft ist, ohne solche Erziehungsstätten und ohne jede Mithilfe unsererseits gelöst werden kann. Wollten wir systematisch vorgehen, so müßten wir Dutzende von landwirtschaftlichen Schulen und Lehrfarmen gründen (lebhafter Beifall); wenn wir es nicht tun, so nicht deshalb, weil es nicht nötig ist, sondern weil der Mangel an Mitteln uns zur Beschränkung zwingt. Es ist auch irrig, wenn man glaubt, die Kolonisation dadurch auf eine kaufmännische Basis stellen zu können, daß wir uns darauf beschränken, bankmäßige Kredite an Ansiedler zu geben. Ich verkenne nicht die große Rolle, die dem Kreditwesen in der Kolonisation zufällt, aber es kann diese Rolle nur dann spielen, wenn ihm Kolonisationsgesellschaften als Schrittmacher vorangehen. Es müssen erst neue beleihungsfähige Objekte geschaffen werden, bevor Agrarkredit gegeben werden kann. Es war gerade kürzlich Gelegenheit, diese Frage eingehend zu erörtern. Von kompetenter Seite war uns vorgeschlagen worden, für den Agrarkredit die Form der Hypothekenlebensversicherung nutzbar zu machen. Die Idee ist an sich sehr beachtlich, aber nach langer Diskussion kam der Referent selbst zu dem Schlüsse, daß die Verwirklichung des Vorschlages das Vorhandensein ertragsf ähig*er Parzellen in den Händen arbeitsfähiger Elemente voraussetze. Nun, diese Voraussetzungen waren eben bis jetzt in größerem Umfange nicht da. Wir müssen sie erst schaffen und alle Tätigkeit unserer Farmen und unserer Parzellieriungsgesellschaft ist gerade hierauf gerichtet. Es besteht also nicht etwa ein Gegensatz zwischen unseren Kolonisationsgesellschaften und dem bankmäßigen Kreditwesen, sondern sie sind im Gegenteil auf einander angewiesen und müssen sich gegenseitig ergänzen. Ohne Agrarkredit ist keine größere Kolonisation, aber ohne vorherge-