Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 196 (sequence 203)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 196 — zu haben. Wenn dann der Käufer für ein solches Angebot kein Verständnis zeigte und der Kauf nicht zustande kam, sowar natürlich der Käufer schuld, denn jetzt sei es ja klar erwiesen, daß er gar nicht ernstlich kaufen wolle und daß es überhaupt keine ernstlichen Käufer für Boden gäbe. Glauben Sie nicht, daß ich mit dieser Schilderung übertreibe, man konnte eine solche Meinung damals in Palästina von den berufensten Stellen hören. So stand es also mit der Privatinitiative. Es war klar, daß von dieser gar nichts zu erwarten war, wenn man nicht in ganz anderer Weise als bisher vorging und ihre Wege erleichterte. Blieb noch die kulturelle Tätigkeit. Ich sprach oben von einer mißverständlichen Auffassung der Lehren Achad Haams. Ich glaube, daß Achad Haam die Ansicht vertritt, daß eine große und starke jüdische Gemeinschaft in Palästina später auch eine jüdische Kultur ausbilden und daß diese Kultur dann auch auf die Juden des Galuth ausstrahlen und ihr jüdisches Gefühl stärker werde. Aber es heißt diese richtige Auffassung zu einer Farce machen, wenn man daraus die Forderung ableitet, in Palästina nun zunächst und ausschließlich jüdische Kultur ziu schaffen. Ich will hier gar nicht das schwere Geschütz des historischen Materialismus auffahren, um nachzuweisen, daß eine jüdische Kultur in Palästina nicht das Prius, sondern nur das Posterius der Entwicklung sein, das heißt, erst dann erwachsen kann, wenn in Palästina eine jüdische Bevölkerung lebt, welche sich bodenständig und materiell befestigt fühlt, und für die nunmehr eine gute Erziehung ihrer Kinder iund die Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst ein Lebensbedürfnis ist. Aber völlig aussichtslos wäre es, wenn man unter den jetzigen Verhältnissen, wo wir erst eine kleine Minderheit im Lande bilden, durch vermehrte Schaffung von Bildungsanstalten künstlich das Reifen einer jüdischen Kultur beschleunigen wollte. Erstens müßten alle diese Anstalten ihre Mittel und Lehrkräfte für lange Zeit noch vom Auslande beziehen und würden damit vom Auslande abhängig sein. Sodann würde aber alle Mühe, die Jugend nationaljüdisch zu erziehen, für die Schaffung einer jüdischen Kultur in Palästina vollständig zwecklos sein, wenn nicht die Schüler nach Absolvierung der Schule in einer jüdischen Kolonie oder in einem jüdischen Milieu in den Städten eine Existenz finden. Heute ist das noch nicht der Fall. Viele iunge Leute müssen Palästina verlassen und sich im Ausland eine Existenz gründen, wodurch sie für Palästina verloren gehen. Da aber die Verbesserung der ökonomischen Verhältnisse viel schwieriger und langwieriger ist als die Schaffung von Erziehungsanstalten, so ergibt sich schon daraus, daß man zur Zeit im Interesse einer kommenden jüdischen Kultur nichts Besseres tun kann, als die wirtschaftliche Position der Juden in Palästina zu verstärken. Aber wie? Ich will Ihnen nicht all die Ueberlegungen wiederholen, die mich zu der von mir schließlich angenommenen Lösung führten; ich will Ihnen nur diese Lösung selbst nennen. Sie hieß: Schaffung einiger landwirtschaftlicher Großbetriebe im Norden und Süden des Landes; ferner Schaffung einer großen Parzellierungsgesellschaft, und zwar einer solchen für ländlichen und einer für städtischen