Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 126)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3476254-3476276--4038-3480181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 119 - verständlich zu Fehlschritten und zu einem schlechten Wege. (Lebhafte Zwischenrufe.) Unsere Idee, die Idee des Zionismus, ist jetzt soweit materialisiert worden, daß wir bald Gefahr laufen, daß Ideelle darin zu verlieren. (Widerspruch.) Jawohl, meine Herren. Wenn man etwas vorhat, dann muß es bei uns momentan, augenblicklich goldene Früchte tragen. Wir haben den weiten Blick in die Zukunft verloren, den doch eine Volkspartei, eine Volksbewegung haben muß. Wir haben vergessen, daß ein wirklicher Politiker und ein Mitglied einer großen Volksbewegung ganze Epochen, Jahrzehnte, mit seinem geistigen Auge erfassen muß und sich nicht damit beschränken darf, was in den ersten 24 Stunden in der Hand liegt. Und eben deshalb, da wir unsere Bewegung so materialisiert haben, fehlt in ihr schon das Anziehende, die magische Kraft, neue Kräfte heranzulocken. Und, meine Herren, werdet Ihr nicht zugeben, daß wir vom X. Kongreß bis zum jetzigen verhältnismäßig nicht fortgeschritten sind, daß wir nicht alles geleistet haben, daß wir nicht weiter in der Progression vorwärts gegangen sind, wie wir gehen konnten? Wir stehen jetzt in den Ländern der Diaspora in solchen kläglichen Zuständen, wo für den Zionismus die beste Stimmung geschaffen ist. Auf der einen Seite sind es die negativen Verhältnisse, auf der anderen Seite ist es die Steigerung des nationalen Gedankens, die zusammen für uns eine Atmosphäre geschaffen, die gesättigt werden könnte vom zionistischen Geiste, die gesättigt werden könnte durch eine gute Agitation und Propaganda, die gesättigt werden könnte durch unseren Geist und unsere Bewegung. Wir haben das aber nicht ausgenützt und auszunützen verstanden, weil wir uns das gesagt haben, daß das, was momentan nicht Früchte bringt, für uns nicht nötig ist. Wir haben aber ein Gesetz vergessen, das, wie in der andern Wissenschaft, so auch in der Soziologie, im menschlichen Gesellschaftsleben herrscht. In bestimmten Grenzen können Sie berechnen, daß, wenn Sie so und soviele Mitglieder haben, Sie in 1—2 Jahren so und soviel haben können. Es gibt aber Momente, wo diese Grenzen überschritten sind und dann steigert sich die Bewegung so, daß sie sich nicht mehr den Ziffern unterwirft und daß wir nicht mehr voraussehen können, wie weit die Bewegung wachsen wird. Die zionistische Stimmung übersättigt jetzt die ganze jüdische Masse. In ganz Rußland, ich glaube auch in Galizien, findet Ihr jetzt die beste Stimmung für den Zionismus, und der kleine Zuwachs an zionistischen Kräften, den wir hier mit Genugtuung, aber nicht mit voller Zufriedenheit konstatieren können, genügt uns nicht. Wir Zionisten sind die stolzeste Partei in unserem Volke. Was wir geleistet haben, ist das Minimum dessen, was wir leisten können. (Lebhafte Zustimmung.) Die zionistische Partei ist dazu geschaffen, die Hegemonie in der jüdischen Gesellschaft zu übernehmen. Bisher ist es noch nicht dazu gekommen. Verschiedene Parteien stoßen uns, weil wir noch nicht in der ganzen Größe und in dem ganzen Glänze den zionistischen Gedanken entwickelt und verbreitet haben. Ich komme jetzt zu dem Punkte des politischen und des sogenannten praktischen Zionismus. Ich bin ein Bekenner des sogenannten politischen Zionismus. Man sagt sich, Politik — ach, diese Diplomatie, die kennen wir ja, und man verhöhnt und verlacht die Politik und die Diplomatie. Wenn wir von einem Gedanken und einer Seele des Zionismus sprechen, sagen die Herren wie der Held von Bang: „Seele? Was ist Seele? Wer hat Zeit, eine Seele zu haben?" Politik, Diplomatie sind lächerlich! Nun will ich darlegen, was wir darunter verstehen. Politik ist für uns keine Diplomatie. Diplomatie kann wohl ein Teil der politischen Tätigkeit sein, damit ist aber nicht die Politik im ganzen erschöpft. Wir verstehen unter Politik den Komplex aller kulturellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Kräfte und Faktoren, die dazu bei-