Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 85)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
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— 78 — würdig, daß ein so welterfahrener und weltkluger Mann wie N o r d a u nur einen Augenblick daran glauben konnte, daß die Mächte, die während der ganzen Balkantragödie die Rolle — möchte ich sagen — der dummen Jungen gespielt und kopflos waren, sich noch gerade dann für die Juden und Palästina interessieren würden. Vizepräsident Dr. Gaster (das Hammerzeichen gebend): Herr Dr. Melamed! Es tut mir leid, in dieser Form kann es nicht weiter gehen. Ich muß Sie bitten, sich zu mäßigen und weder von Max Nordaws groben Fehlern, noch von den europäischen Mächten in der Weise zu sprechen, wie Sie es getan. Wir sprechen hier vor einem großen Forum, vor einem Forum, daß die Juden der ganzen Welt repräsentiert. Ich hoffe, ich erwarte von Ihnen, daß Sie so nicht fortsetzen werden. (Lebhafter Beifall.) Del. Dr. Melamed: All right! Aber der Brief war nun einmal erschienen und hat — wie ich Ihnen versichern zu können glaube — in ottomanisch-diplomatischen Kreisen in London den möglichst schlechtesten Eindruck gemacht, während er auf die nicht-türkischen Diplomaten gar keinen Eindruck gemacht hat. Der Brief ist, wie Sie wissen, in der „Times" erschienen, und man kann wohl keinem Dokument eine größere Publizität geben, als wenn 'man es in der „Times" veröffentlicht. Was tut nun unsere kluge „Welt"? Statt den Brief, da er nun einmal in der „Times" publiziert war, zu reproduzieren und zu ihm in einer männlichen Weise Stellung zu nehmen, d. h. ihn ganz entschieden, wenn auch höflich abzulehnen, bringt sie eine kleine Notiz am Schlüsse des Blattes — ich glaube, es war auf Seite 12 — die nur 5 Zeilen enthielt und die, wenn ich nicht irre, mit dem Satze beginnt: „Unser bekannter Gesinnungsgenosse Dr. Max Nordau usw." Herr Dr. Max Nordau ist ein Mensch und kann irren, und er wird nicht gekränkt oder beleidigt sein, wenn man nicht immer seine Meinung teilt, aber Dr. Nordau ist ein großer Mann und ein großer verdienter Zionist, der uns Tausende zugeführt und uns — wenn Sie wollen — lailturfähig gemacht hat, und kann eine respektvolle Behandlung beanspruchen, selbst, wenn und wo man seine Ansicht bekämpfen wird. (Lebhafter Beifall.) Was sich aber die „Welt" in dieser Angelegenheit geleistet hat —- und das werden mir auch die wärmsten Freunde der gegenwärtigen Leitung zugeben — ist einfach nicht zu verteidigen. (Lebhafte Zustimmung.) Es ist allerdings sehr zu bedauern, daß gerade diejenigen, die sich „politische" Zionisten nennen, — ich möchte fast sagen, wenn mich Herr Dr. G a s t e r nicht unterbricht (Heiterkeit) — oft vorsintflutliche Ansichten über Politik haben und glauben, daß man einen Staat nach dem Rezept des Aristoteles errichten kann, ohne zu bedenken, daß selbst, wenn alle Großmächte, oder drei, vier oder fünf sich darauf verlegt hätten, sie für ein anderes Volk einen Staat nicht schaffen können. (Rufe: Albanien!) Die Albaner sitzen aber in der großen Mehrheit auf ihrem Boden, wir aber nicht. Aber weil die Herren in Paris bona fide irren, und, wenn sie auch schwere politische Mißgriffe sich zuschulden kommen lassen — das gilt zunächst von unserem gelehrten Freund Marmorek — muß man sie, verdiente und schätzenswerte Parteiführer und dazu bedeutende Männer, nicht in dieser Weise behandeln. (Schlußrufe und Unruhe.) Mein Vorwurf richtet sich nicht sowohl gegen die Leitung selbst, als gegen einige ihr untergeordnete Organe. Wir wissen, daß Herr Dr. Hantke ein sehr energischer Mann ist, 'und ich muß mich wundern, daß gerade von Herrn Dr. Hantke, von dem Ich am meisten in solchen Dingen erwartet hätte, gewisse Befehle und Weisungen nicht zugekommen sind. Jetzt komme ich zur Politik zurück. Unsere sogenannten politischen Zionisten, die tatsächlich nur über Politik philosophieren, statt Politik