Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 84)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 77 — Del. Dr. Melamed: All right! (Zwischenrufe.) Vizepräsident Dr. Gaster: Lassen Sie Herrn Dr. Melamed sprechen! Del. Dr. Melamed: Verehrter Kongreß! Daß die Demonstration als Propaganda- und Werbemittel stark überschätzt wird und wurde, können Sie aus dem Niedergange der sozialistischen Maifeiern und aus den Vorschlägen einflußreicher Sozialistenführer, die Maifeiern ganz abzuschaffen, ersehen. Aber selbst, wenn man zugibt, daß die Demonstrationen ein erstes politisches Propagandamittel sind, so bleibt die Organisation dieses Kongresses dennoch unverständlich. Als man beschlossen hat, den Kongreß nach Wien zu berufen, hatte man gewiß auch an die Wiener jüdischen Massen gedacht. In Wien leben doch bekanntlich 200 000 Juden. Wie sollen aber diese Massen den Kongreß zu sehen bekommen und sich zionistisch inspirieren, wenn die Eintrittskarten schon Wochen bevor der Kongreß zusammentrat, an ein anonymes ausländisches Galeriepublikum ausverkauft wurden? (Lebhafter Beifall.) Ich würde deshalb auch den Herrn Präsidenten bitten, uns nachher darüber Aufschluß zu geben, aus welchen Erwägungen Wien als Kongreßort gewählt wurde. Und nun gehe ich zur Sache über. (Lebhafte Rufe: Schluß! Schluß!) Um jedem Mißverständnis vorzubeugen, hebe ich noch einmal hervor, daß, wenn ich die Leitung kritisiere, ich keineswegs etwa einen Trumpf gegen sie ausspielen will. Nichts liegt mir ferner. Sie hat mehr taktisch als sachlich in vielen Dingen gefehlt, und diese von ihr begangenen taktischen Fehler müssen hier aufgedeckt werden, damit sie sich nicht wiederholen. (Zahlreiche Unterbrechungen und Schlußrufe.) Beruhigen Sie sich doch ein bißchen! (Erneuerte Rufe: Schluß!) Sein Sie doch ruhig! (Laute Zwischenrufe.) Das ist eine Frechheit, sage ich Ihnen. (Lärm.) Vizepräsident Dr. Gaster: Order! Order! Ich bitte um Ruhe! Lassen Sie doch Herrn Dr. Melamed ruhig weiterreden. Del. Dr. Melamed (fortfahrend): Zu diesen taktischen Fehlern unserer Leitung zähle ich in erster Reihe die Affäre Nordau und die Haltung der „Welt" Nordau gegenüber. (Lebhafter Beifall.) Ich muß doch nicht jeden Augenblick, sei es durch Bravorufe, sei es durch Pfuirufe unterbrochen werden! Es gibt doch auch ein anderes Benehmen! Herr Dr. Max Nordau, oder wie ihn die Redaktion der „Welt" zu titulieren die Güte hatte, „unser bekannter Gesinnungsgenosse Max N o r d a u", hat seinerzeit einen Brief in der „Times" veröffentlicht, der — darin wird jeder unserer Leitung recht geben — sowohl politisch wie taktisch, sowohl formell wie inhaltlich, ein schwerer Mißgriff war. Herr Dr. Nordau, von dem, bald nach dem Beginn des Balkankrieges, starke antitürkische Aeußerungen in der europäischen Presse bekannt geworden sind, durfte nicht mit Rücksicht auf unsere wirklichen freundschaftlichen Gefühle für die Türkei und mit Rücksicht auf unser Angewiesensein auf die Türkei in einer für das ottomanische Reich sehr kritischen und gefahrvollen Stunde die Mächte anrufen, daß sie uns in der Türkei zu Hilfe kommen. Ich behaupte, seit dem Bestehen des politischen Zionismus ist kein solcher politischer Mißgriff begangen worden, wie mit der Publikation dieses Briefes (lebhafter Beifall — Widerspruch), den — ich spreche wohl im Namen des ganzen Kongresses — wir alle ablehnen — so leid es uns tut, einen Mann wie Dr. Max Nordau von diesem Orte aus desavouieren zu müssen. Das ist eben das Ende jeder politischen Nebenregierung. Solange wir eine legal bestellte Leitung haben, hat niemand — und auch Dr. Nordau nicht — das Recht, ohne Wissen und Einverständnis der Leitung eine politische Extratour zu unternehmen (lebhafter Beifall), um so mehr, als sie auf der einen Seite keinen Nutzen, dagegen auf der anderen Seite viel Schaden anrichten kann. Es ist doch schon sehr merk-