Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 83)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 76 — geben muß, daß es konstitutionell und parlamentarisch nicht korrekt ist. (Lebhafter Beifall.) Nichts ist zweifelhaft in unseren Unternehmungen, und nichts Zweifelhaftes kann hier ausgesprochen werden. Das Wort zweifelhaft muß zurückgezogen werden. (Lebhafter Beifall.) Del. Dr. Melamed: Ich ziehe es zurück. Wenn der Kongreß das sein soll, was der unsterbliche Herzl aus ihm machen wollte, nämlich eine parlamentarische Versammlung aus den Vertretern des jüdischen Volks, deren Aufgabe es sein müßte, in aller Ruhe und ohne Ablenkung von außen die allmähliche Umwandlung eines in seinen jetzigen Lebensbedingungen auf den Aussterbeetat gesetzten Buchvolkes in ein lebenskräftiges, politisches Volk in die Wege zu leiten, so scheint mir, daß das soziale, ästhetische und demonstrative Beiwerk, d. h.. die vielen Schaustellungen, Konzerte und andere Vergnügungsveranstaltungen sowohl mit der Idee als mit dem Zweck des Kongresses unvereinbar sind. (Widerspruch. — Große Unruhe.) Bisher ist schon die bloße Vermengung von ernster Politik und Tingel-Tangel-Stimmung, die durch die vielen Vergnügungsveranstaltungen erzeugt wird . . . (Lärm und Schlußrufe.) Vizepräsident Dr. Gaster: Order! Wir werden darauf bestehen, daß die Freiheit des Wortes gewahrt werde. Del. Dr. Melamed (fortfahrend): Ist schon die bloße Vermengung von ernster Politik und Tingel-Tangel-Stimmung, die durch die vielen Vergnügungsveranstaltungen erzeugt wird, nicht dazu angetan, die Würde und das Ansehen des Kongresses zu heben, so ist es auf der anderen Seite aus rein pragmatischen Erwägungen heraus nichts weniger als empfehlenswert, dem Kongreß zuviel Ablenkung zu bieten, denn das Kongreßmitglied, statt die hier gehörten Anregungen und Vorschläge und Ideen durchzudenken, um mit einer Schatzkammer neuer Kenntnisse und Erfahrungen später vor seine Wähler zu treten, wird durch eine geradezu amerikanische Reklame in die Lustbarkeiten und Schaustellungen hingelenkt, wo es seinen Geist lüften kann. (Lebhafte Zwischenrufe. — Rufe: Man muß doch auch für die Gäste sorgen!) Der Kongreß hat mit den Gästen nichts zu tun, der Kongreß ist sich Selbstzweck. Ich überlasse es dem Kongresse zu beurteilen, ob dieses Arrangement ein richtiges ist. Hingegen erlaube ich mir selbst ein Urteil über die Kommerzialisierung des Kongresses. Sind wir denn eine Menagerie (lebhafter Beifall — stürmischer Widerspruch), daß man Eintrittskarten im voraus Fremden und Zugereisten verkauft, damit man uns, das afrikanische Wild, ordentlich betrachten kann? (Beifall.) Ist jemand der ehrenwerten Mitglieder dieses Kongresses in der Lage zu bekunden, daß nach seiner Erfahrung irgendein anderer politischer oder wissenschaftlicher Kongreß überhaupt kommerzialisiert und in dieser Weise kommerzialisiert wurde? (Lebhafte Zwischenrufe: Natürlich! jeder! — Gegenrufe: Keiner!) Das Organisationsbureau des Kongresses — ich habe es am eigenen Leibe erfahren — hat sich fast in ein Theaterkartenbureau verwandelt, und keinem Kongreßmitgliede ist es möglich, seine Angelegenheiten durch das Organisationsbureau zu erledigen. (Lebhafte Rufe: Schluß! Schluß!) Regen Sie sich nicht auf! Mich, meine Herren, bringen Sie nicht aus der Fassung. (Zwischenrufe.) Es ist sehr lobenswert . . . Vizepräsident Dr« Gaster: Bevor Sie weitergehen, muß ich Sie jetzt zum letzten Male warnen. Sie gebrauchen Ausdrücke . . . Del. Dr. Melamed: Was für Ausdrücke? Vizepräsident Dr. Gaster: Ich werde Ihnen diese Ausdrücke sofort nennen. Wir sind keine Menagerie (Del. Dr. Melamed: Wir sind es eben nicht!), wir sind kein afrikanisches Wild, wir sind hier kein Theaterkartenbureau! Damit ist die Sache beendet. Ich muß Sie bitten, zur Sache zu sprechen.