Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 39)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 32 — erklären und dem jüdischen Geiste Konzessionen machen. Woher aber wollen wir denn die Garantie nehmen, daß diese Männer nicht anderen, ihre Stimmungen nicht anderen, Stimmungen Platz machen! Dann würden wir gezwungen sein, von neuem einen inneren Kampf zu beginnen, der ein gut Teil von der Schaffenskraft des jungen Jischub in Anspruch nehmen würde. Und leider fehlt es ja nicht an Anzeichen, daß jene Stimmungen tatsächlich wandelbar sind. Wir dürfen nie vergessen, daß zwar der Ostwind, der von Zeit zu Zeit unser Land durchstreift^ die Ernte unserer Arbeit manche mal ernstlich bedroht, daß für uns aber der schlimmere Feind jener Wind vom Westen ist, der über das Meer herüberkommt. Er verdirbt uns unsere Menschen und übt einen schädlichen Einfluß auf unser heranwachsendes Geschlecht. (Lebhafte Zustimmung.) Wir erkennen es dankbar an, daß andere Organisationen uns mit ihrer kulturellen Tätigkeit im Lande unserer Väter zuvorgekommen sind, aber wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, daß es andere sind, die das tun oder gar uns darüber freuen, daß gerade andere diese unsere Arbeit verrichten! Das heranwachsende Geschlecht — das ist ja der strahlende Stern unseres neuen Jischub, und unsere Sorge muß es sein, daß es im Geiste der nationalen Renaissance erzogen wird. Wir dürfen auch ganz ruhig, auf Grund von beweisbaren Tatsachen, die Behauptung aufstellen, daß alle diejenigen Schulen und Lehranstalten, die von Zionisten geschaffen und geleitet oder durch den Zionismus beeinflußt sind, alle anderen jüdischen Schulen Palästinas an Vollkommenheit und Zweckmäßigkeit weit überragen. Und zwar durchaus nicht nur vom jüdisch-nationalen Standpunkte aus, sondern auch unter dem Gesichtswinkel allgemein menschlicher Erziehung betrachtet. Im Galuth hat unsere „Doppelgestalt" unsere besten Tugenden nicht zur Geltung kommen lassen, und im günstigsten Falle haben wir Menschen groß gezogen, die halb Knechte und halb Freie wurden. Da erstand uns die neue Schule in Palästina und zeigte uns, wie man die Janusmaske abwerfen. kann. Gerade jetzt hat das hebräische Gymnasium in Jaffa ein Erstlingsfest gefeiert, und zum ersten Male in unserem Leben haben wir junge Abiturienten vor uns gesehen, die nur Juden sind und nichts als das. (Stürmischer Beifall.) Diese jungen Menschen sind ganz und gar frei von unserer Zweiseelen- Psychologie, und von ihnen dürfen wir zuversichtlich erwarten, daß sie unserem Volke Ehre machen und unserer Fahne Treue halten werden. Möglich, daß diese jungen Leute hie und da durch Uebereifer Maß und Grenze ein wenig überschreiten. Das wird sich im Laufe der Zeit so natürlich: ändern, wie dieser Uebereifer eine natürliche und notwendige Reaktion ist gegen Indifferenz und Feindseligkeit. Wird unsere Position immer ruhiger und fester sich entwickeln, so wird alles Uebermaß und aller Uebereifer ganz von selbst verschwinden. Die Zionistische Organisation hat also die ernste Pflicht, alles zu tun, um auf die kulturelle Entwicklung des neuen Jischuo Einfluß zu gewinnen. Recht naiv hat man in der letzten Zeit da und dort die alte Frage wieder aufgeworfen: was ist denn eigentlich jüdische Kultur? Sind wir denn nicht alle Kulturmenschen?