Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 34)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 27 — haben wir gerührt, haben die Krankheitssymptome analysiert und Heilung gesucht für die Schäden der Zeit. Wir erwarten ohne Furcht den Wahrspruch der Geschichte. Sie wird sagen, daß wir, die Augen unbeweglich auf ein Ideal gerichtet, niemandem zu Leid und unserem Volke zum Segen, auch in das Leben der Diaspora ordnend und klärend eingegriffen haben, und daß wir mit ernstem Sinn in die Ursachen und Zusammenhänge eingedrungen sind, durch die das einzige Rettungswlerk für die Diaspora, die jüdische- Einheit, geschaffen werden muß. Ja, das Leben der Juden in der Diaspora ist noch ein Chaos, aber es regen sich schon die Keime vieler Gedanken, die mehr und mehr an's Licht gelangen! Verborgen und rein wie das Gold in der Tiefen der Erde liegt die gestaltende Kraft im Chaos: Der Zionismus in der Diaspora! Dieser Kraft gehört die Zukunft! (Stürmischer, langandauernder, sich immer wieder erneuernder Beifall.) Vorsitzender Prof. Dr. Warburg: Ich erteile nunmehr das Wort dem Kollegen, Herrn Dr. Schmarja-Levin. Mitglied des Engeren Actions-Comites Dr. Schmarja Levin (mit jubelndem, minutenlangem Beifall begrüßt, spricht hebräisch): Hoher Kongreß! Herr Nahum Sokolow, mein geschätzter Kollege, hat Ihnen soeben in großen Zügen ein Bild von der Lage des jüdischen Volkes in den verschiedenen Ländern entworfen. Wieder haben wir ein Kapitel unserer Golus-Geschichte überwunden und haben wieder gesehen, wie sehr es unserem Volke an den Grundbedingungen für eine natürliche Entwicklung fehlt, wie sehr es jeder Möglichkeit beraubt ist, sich ähnlich den anderen Völkern, die in letzter Zeit zur nationalen Wiedergeburt gelangten, zur nationalen1 Selbständigkeit aufzuschwingen. Der schöpferischen Kraft unseres Volkes erstehen überall nur Hindernisse und Hemmungen, wo immer sie sich zu offenbaren sucht, und gelingt es ihr, alle Hindernisse zu überwinden, so geht sie eines guten Teiles ihrer Art verlustig und das Resultat ist nur ein Teil ihres Selbst. Sogar im besten Falle muß die jüdische Schaffenskraft an ihre Umgebung einen hohen Tribut entrichten, eine Kopfsteuer und eine Seelensteuer, muß sich andersartigen "Bedingungen anpassen, eine fremde Form annehmen und ihren inneren Kern bis zur Unkenntlichkeit in eine fremde Schale hüllen. Und selbst, wenn wir nur diejenigen Werte verteidigen wollen, die als historisches Vermächtnis zu nationalem Gemeingut geworden sind, haben wir einen Kampf zu führen nach außen und nach innen. Nach außen mit einer Umgebung, die sich gegen uns sträubt, und nach innen mit einem großen Teile unseres Volkes, der nur das eine Streben kennt, sich von einer Vergangenheit loszulösen, die er als Last empfindet und dafür rein persönliche Zukunftshoffnungen einzutauschen. Die Unnatürlichkeit solcher Zustände, der dauernde Kampf mit der Umgebung und ihren Bedingungen einerseits und das starke innere Gefühl andererseits, das Bewußtsein, daß die schöpferische Kraft unseres Volkes durchaus noch nicht erlahmt ist, das sind