Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 30)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 23 — nungen in einem festen und einheitlichen Prinzip der Volkserhaltung. Ohne palästinensischen Zionismus würde das Nationalbewußtsein nur eine leere Abstraktion sein. Durch Palästina führt es sich in die Wirklichkeit ein. Die Verbindungsbrücke zwischen Zionismus und dem Diasporaproblem ist das jüdische Nationalbewußtsein. Hier stehen wir auf dem festen Boden eines Programms. So kann und wird uns Palästina auch hier helfen, indem es eine jüdische Solidarität schaffen wird. Eine Wechselwirkung tritt zwischen dem Zentrum-Ideal Palästina und der Umkreis-Wirklichkeit Diaspora ein. Das Tun gehört noch der Diaspora, der Impuls Palästina. Alles versammelt sich in diesem Gesichtspunkt: Juden verschiedener Stände und Parteien werden durch ihn in gleicher Pflichtmäßigkeit an den allgemeinen Zweck herangezogen, ihre Bahnen begegnen sich. Der Wille zum Leben tritt in Permanenz. Wir sind nicht mehr ein enthaupteter Körper, wir können nicht mehr stückweise vertilgt werden. Dieser Wandel ist mehr als irgend eine Tat; es ist eine Aenderung der Denkungs weise, eine Umwertung aller Werte, ein Umschwung, der der ganzen jüdischen Selbstverteidigung in der Diaspora eine einheitliche Richtung gibt. Der sicherste Weg, der zu diesem Ziele führt, ist die nationale Erziehung zur Einheit. (Stürmischer Beifall.) Freilich dürfte das Prinzip der nationalen Solidarität, wie es soeben angedeutet wurde, noch allzusehr der praktischen Klarheit und Anwendbarkeit entbehren. Es dürfte die Frage aufgeworfen werden: was heißt es, mit den anderen Juden solidarisch zu fühlen und zu handeln? Bis zu welchem Grade soll der einzelne Jude verpflichtet sein, sein eigenes Wohl, wenn es mit den Interessen anderer Juden in Konflikt kommt, denselben aufzuopfern? Diese Fragen werden sich in einzelnen konkreten Fällen mit größerer Bestimmtheit beantworten lassen, als in der Allgemeinheit, mit welcher sie hier aufgestellt sind. Es wird leider der Fehler einer jeden zusammenfassenden Formel in der Moral eine gewisse Unbestimmtheit bleiben, und dennoch wird man auf die allgemeinen Formeln nicht verzichten können. Die Berücksichtigung einzelner bestimmter Fälle dürfte nur ein Katechismus nationaler Pflichten bieten können, von diesem Standpunkte aus eine der verdienstvollsten Aufgaben für unsere nationalen Denker und Führer. Im Uebrigen werden sich trotz alledem einige bestimmte Grundsätze aufstellen lassen. So wird alles, was zur dauernden Erhaltung und zum Wohlsein unserer Nation beizutragen geeignet ist, der Befriedigung eines ihrer momentanen, vorübergehenden Bedürfnisse, jeder dauernde Nutzen einem kurzen Genuß vorzuziehen sein. Ferner: alles, was für die Interessen eines großen Teiles der Nation erforderlich ist, wird höher geschätzt werden müssen als das, was die Interessen weniger fördert. Der national empfindende Jude wird den Wert der einzelnen Faktoren der Interessen seines Volkes abwägen und zugleich die natürliche unzertrennliche Verknüpfung einzelner vorübergehender, geringerer, und auf wenige beschränkter Annehmlichkeiten und Genüsse mit dauernden, heftigen und über viele verbreiteten Leiden sowie den ursächlichen Zusammenhang, der