Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 29)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 22 — das Leben der Diaspora ändern? Diese schicksalsschwere Frage drängt sich unabweisbar in unsere Seele. Geehrter Kongreß! Ich will Ihnen zur Beantwortung dieser Frage dem Jammerbild der Zerrissenheit und Ratlosigkeit der Diaspora ein anderes Bild entgegensetzen: die Diaspora, geographisch wohl zerstreut, aber durch die Existenz eines lebendigen Zentrums geeint; die Diaspora, wenn auch noch mit ihren von außen hereinbrechenden Leiden, aber ohne ihr Kleinsein, Demütigsein, ohne ihr Versinken, ohne ihre innerliche Untertänigkeit, ohnmütige Unterwerfung, ohne Assimilation, die Diaspora m;it einer wirklichen jüdischen Solidaridät. (Lebhafter Beifall.) Der Gedanke ist uns fern, in dem Leben unseres Volkes in der Diaspora nichts als Schatten zu sehen. Nein, so hoffnungslos ist die Sache nicht, und dem, der näher zusieht, wird es trotz alledem klar, daß das Judentum auch in der Diaspora die Möglichkeiten einer Entwicklung in sich trägt, wenn es nur verstehen würde, einen Mittelpunkt in Palästina zu gewinnen und die Einheitskeime in sich zu finden und zur Entfaltung zu bringen. (Beifall.) Das Judentum trägt eine innere Sehnsucht nach Befriedigung eines seelischen Triebes in sich, eines Triebes, der ihm sagt: du bist zu etwas höherem geschaffen. Es hört, ob es will oder nicht, diese Stimme in seinem Innern. Es fühlt etwas, aber es weiß noch nicht, was ihm fehlt. Fragt jeden beliebigen Juden, er mag dem Zionis^ mus noch so fern stehen, ob wir jüdische Solidarität brauchen, und er (Wird euch sagen: Wir brauchen sie wie das liebe Brot. Aber was er noch nicht weiß^ ist, daß eine jüdische Solidarität ohne Nationalbewußtsein eine Unmöglichkeit ist, und daß Nationalbewußtsein wiederum nur durch den Zionismus eine dauernde Grundlage gewinnt. Zu keiner Zeit war es wichtiger und notwendiger als jetzt, daß wir für die Selbstverteidigung eine geschlossene Einheit bilden, selbstverständlich unter strenger Wahrung unserer staatsbürgerlichen Pflichten. Es fehlt aber das zu voller Einigung und einträchtigem Zusammenwirken unumgänglich notwendige Volksbewußtsein, das allein eine große Organisation schaffen und erhalten kann. Wir Zionisten haben eine solche Organisation, die mit der Zeit uns die Mittel liefern wird zu vollständiger gemeinsamer Wahrnehmung unserer Lebensinteressen, zu gemeinsamer Beratung, zur Herbeiführung eines möglichst einmütigen Vorgehens auf allen Gebieten der Volksrettung. Dieser Gedanke muß sich im Gesamtjudentum! Bahn brechen. Sämtliche Moralpredigten über die Notwendigkeit jüdischer Solidarität sind sonst in den Wind gesprochen. Man mag hier und da etwas Philanthropie treiben und sich über Pogrome, wenn sie stark auf die Nerven gehen, entrüsten; aber mit der Zeit wird auch die Entrüstung abgeschwächt. Man zuckt nicht mehr zusammen, man zürnt nicht mehr, man nimmt die Dinge mit einer gefühllosen Selbstverständlichkeit hin, die schaudern macht. Und doch könnten wir uns zuweilen auch in der Diaspora mit Erfolg verteidigen, aber uns fehlt die Einheit, uns fehlt die erfrischende nationale Welle, die suggestive Kraft eines Mittelpunktes, die synthetische Zusammenfassung aller Lebenskräfte und Lebenserschei-