Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 28)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 21 — keinem Zweifel, daß die ökonomischen Möglichkeiten für die jüdischen Massen in Amerika sehr groß sind. Ich stehe persönlich unter dem frischen Eindruck großer Genugtuung, wie sich unsere Brüder drüben in den neuen Lebensbedingungen mit Geschick und mustergültiger Tätigkeit und auch mit einem wachsenden Interesse für Judentum und Zionismus mehr und mehr zurechtfinden. (Lebh. Beifall.) Aber man möge nicht die Errichtung einer Heimstätte für die jüdische Nation dort erwarten. Genug, daß unsere Brüder dort dem Amalgamierungsprozeß widerstehen, daß sie unter sich jüdischen Sinn, jüdisches Wissen, jüdisches Leben in der heranwachsenden Jugend mit großen Opfern und großer Tatkraft nach Maßgabe des Möglichen erhalten. Von hier soll aber der Notschrei unseres bedrängten Volkes ein volltöniges Echo hervorrufen. Das jüdische Volk vereinigt sich mit jenem bedeutenden Teil seiner Söhne, die jetzt so schwer leiden, und es wird sich gegen den Ansturm des wilden Hasses mit großer Willenskraft verteidigen. (Lebh. Beifall.) Die in ihren Mitteln nicht wählerische ruchlose Agitation hat es auch jetzt nicht leicht, den Besitzstand, die Erfahrungen, den rastlosen Fleiß, die ungeheueren Leistungen der Juden für das Erwerbsleben Polens mit einem Mal zu vernichten; sie greift deshalb zu immer wilderen Ruchlosigkeiten und scheut sich nicht, die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes zu erschüttern, um nur den eigenen Haß und die Habgier zu befriedigen. Gegen eine solche Strömung ökonomischer Pogrome kann unser Volk nicht gleichgültig bleiben. Selbstwehr gegen Angriffe, wirtschaftliche Stärkung gegen das System der Vertilgung und Proletarisierung! Aufrüttelung aus der Apathie, energische Abwehr und zu diesem Zwecke — Einheit. (Leb. Beifall.) Wir laufen jedoch Gefahr, im Chaos der Diaspora zu zersplittere wenn wir nicht einen festen Kreis ziehen. Hier komme ich zu dem eigentlichen Zweck meiner Ausführungen. Man macht uns Zionisten den Vorwurf, daß wir in der Kritik stark, im .positiven Programm der Diaspora hingegen schwach seien. Wir sind gewohnt, die Lage des jüdischen Volkes zu schildern. In der ersten Zeit mochten wir den Eindruck wecken, als ob wir prinzipielle Unglückspropheten wären. Jetzt stoßen wir auf keinen Widerspruch mehr. Wir haben leider Recht behalten. Aber zwischen den Prämissen und den Schlußfolgerungen scheint noch immer ein Abgrund zu gähnen. Wie wollt ihr, fragt man uns, durch eure Kolonien in Palästina die Leiden des jüdischen Volkes, die gewaltigen Konflikte der Judenfrage in der Diaspora beseitigen? Und ich unterstreiche und betone mit allem Nachdruck: Man fragt besonders uns, die wir eine dem praktischen Leben näher gerückte Richtung des Zionismus vertreten. Denn so lange der Zionismus nur eine abstrakte Ldee war, mochte der Gegensatz der Maßstäbe gar nicht ins Bewußtsein dringen. Eine abstrakte Idee kennt eben keinen Maßstab. Aber so konnte es ja nicht bleiben. Sind wir ja schon an der Arbeit, sieht man ja schon die unbestimmten Umrisse, den Werdegang und die Entwicklungsbahn der Zukunft, ahnt man ja schon das Maß des Wahrscheinlichen und vergleicht man ja schon naturgemäß die verschiedenen Größen. Kann der Zionismus