Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1911-01-01 · 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911 · p. Seite 227

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
Date
1911-01-01
Page
Seite 227 (sequence 227)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3476254-3476274--3772-3479914
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 227 - langen allein können die nationale Arbeit nicht leisten. Denn wir Zionisten sagen, der Zionismus ist weit mehr als ein rein politisches Bekenntnis, er ist eine Lebensanschauung mit dem ganzen Komplex der Lebensfragen, der sozialen, kulturellen, politischen usw. (Lebhafter Beifall.) Und, meine Damen und Herren! haben wir denn ein Recht, uns über die Außenstehenden zu wundern, wenn sie uns nicht aufs Wort glauben, daß es uns ernst damit ist, wenn wir dieses Bekenntnis ablegen, — wenn durch unsere sogenannte Lebensanschauung an unserer Lebensführung und unserer Lebensordnung nichts geändert wird, wenn unser zionistisches Haus genau so aussieht wie das Assimilantenhaus, wenn unsere zionistischen Kinder genau dieselbe Erziehung genießen, wie die Assimilantenkinder, außer daß wir ihnen zweimal im Jahre ein zionistisches Fest bereiten? (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Von diesem Qrundübei sind selbst unsere Besten nicht ganz frei, und hier steht der Mann ratlos — nur Frauenarbeit kann Hilfe schaffen. Wenn aber von Frauenarbeit die Rede ist, so haben unsere Herren Brüder und Männer ein gewisses Lädhein zur Verfügung, das halb spöttisch und halb mitleidig ist. Meine Herren, haben Sie es bedacht, daß die Nichtzionisten genau dasselbe Lächeln haben, wenn wir von der Gesamtarbeit des Zionismus sprechen? Und jene haben doch wenigstens ein Argument, das zutreffend ist; sie sagen: für eure Projekte und Ziele müßt ihr ja Riesensummen aufwenden; und von allen denkbaren Kapitalien ist doch gerade das Geld dasjenige, was euch am meisten fehlt. Für unsere Frauensache brauchen wir vorerst keine Riesensummen; was wir brauchen, das ist Herz und Verstand (Lebhafter Beifall und Händeklatschen), Ausdauer und Wille, war wir brauchen, ist Gemüt und Klarheit. Meine Herren! Wollen Sie uns diese Eigenschaften absprechen? Dann möchte ich dabei sein, wenn Ihre Frauen mit Ihnen abrechnen (Lebhafte Heiterkeit und lebhafter Beifall und Händeklatschen). Meine Herren! Unter unseren Brüdern und Männern gibt es auch einsichtigere — ich habe nicht gesagt ganz einsichtige (Heiterkeit) — die sagen: gewiß, die Frau soll arbeiten, selbstverständlich, sonst kommen wir nicht vorwärts; aber meine Frau lassen Sie, bitte, aus dem Spiel, die eignet sich nicht dafür! Aber warum wollen Sie der nationalen Sache die Hälfte von Ihrem Ich — man sagt sogar die bessere — (Heiterkeit) vorenthalten, und wie wollen Sie ein Ganzes bilden, wenn die Hälfte fehlt? Sie wissen, ein altes jüdisches Sprichwort sagt: Kein Nedan, kein Nedan! Aber gar kein Nedan? (Heiterkeit.) Wenn wir also mit der Frauenarbeit Ernst machen wollen, so» muß ich vor allem die Herren bitten, muß Sie inständigst bitten, gewöhnen Sie sich dieses Lächeln ab und stellen Sie Ihrer Frau kein Armutszeugnis aus. Sie verdient es nicht, wehe Ihnen, wenn sie es 15*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.