Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 223)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3476254-3476274--3768-3479910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 223 — den Töchtern Israels die Tore geöffnet wurden zu fremdem Wissen, zu fremdem Dichten und Denken und zu fremdem Schaffen. Sie zogen aus in die fremden Gefilde und niemand kümmerte sich darum, ihnen das mit auf den Weg zu geben, was ihnen den Rückweg zeigen mußte. (Zustimmung.) Niemand fragte: Werden sie uns wiederkehren und wie werden sie wiederkehren? Das, meine Damen und Herren, war das große Unrecht, das den Töchtern Israels geschehen ist. Es hat sich bitter gerächt. Denn wenn das Fundament nicht feststeht, so muß ja naturgemäß der ganze Bau ins Wanken geraten. Wenn unsere Frauen es gelernt hatten, alles Schöne, Romantische, Ritterliche, was unser Gemüt und unsere Seele so sehr anspricht, mit dem Fremden zu verbinden und zu verknüpfen, so war es selbstverständlich, daß ihnen das Jüdische entfremdet wurde. An uns hat sich das bittere Wort bewährt: „somuni noteres es hakromim — Karmi scheli lo notarti —is „Sie haben mich zur Hüterin fremder Gärten gemacht, und so ist denn mein eigener Garten verwahrlost geblieben." Meine Damen! Als in der Zeit, wo alles jüdische ins Wanken geriet, nicht nur durch den Druck, wie er im Osten besteht, durch gewaltsame Verfolgungen, sondern durch den viel gefährlicheren, sanfteren Druck des Milieus, der Schule, des gesellschaftlichen Verkehrs — denn, meine Damen, ich muß es doch einmal aussprechen, so sehr mir das Herz dabei blutet: um das kämpfende Israel ist mir nicht bange, obgleich ich sehr wohl weiß, mit wie schwachen Waffen wir im Osten kämpfen, aber um das schläfrige, um das eingelullte Israel ist mir bange! — (lebhafter Beifall und Händeklatschen), als, sage ich, in einer Zeit des Wankens und Bangens der Zionismus kam, das große Rufen in die Gemüter, in die Herzen, in den Geist des jüdischen Volkes, da ist es kaum verständlich, wie es nur möglich war, daß die jüdischen Frauen und Mädchen sich nicht in hellen, jauchzenden Scharen um die Fahne reihten, die uns H e r z 1 aufgerichtet hat, — mit welchem Glänze, in welcher Schönheit und Hoheit, das brauche ich ja hier nicht zu sagen. Es ist beinahe nicht faßbar, daß die jüdischen Frauen und Mädchen in ihrer großen Mehrzahl ferne geblieben sind, und daß selbst diejenigen, die in unseren Reihen stehen, sich bis jetzt noch nicht zu der vollen Erkenntnis, zur Verinnerlichung und Vertiefung ihrer nationalen Ueberzeugung aufgeschwungen haben. Meine Damen! Ich habe vorhin gesagt, wir wurden von unserem H e r z 1 und seinen Getreuen nicht vergessen und nicht verkannt, wir wurden aber auch nicht erkannt. Man hatte in der ersten Zeit des Zionismus viele und große Sorgen und wenig Muße, um sidh in die Frauenpsyche zu vertiefen. Man suchte nicht nach den Wegen, die zu den Frauenherzen führen. — Gewiß, man hatte keine Zeit. Aber mitbestimmend war auch der Umstand, daß