Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 222)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 222 — uns nicht genannt, und den Namen hätte ich gar zu gern gewußt! In der Bibel heißt sie eben nur: eine „angesehene Frau". Aber meine Damen und Herren, für den Fortbestand und die Entwicklung des Judentums waren nicht so sehr die Glanztaten hoher Frauenbilder maßgebend, als die Durchschnittsfrau. Und auf unsere Durchschnittsfrau dürfen wir stolz sein. Sie hat tausendmal mehr geleistet, als jemals von ihr gefordert werden konnte. Da heißt es, unsere Frauen haben wenig Mizwaus; freilich! Mizwaus sind Gebote. Weil sie aus den tiefen Quellen des eigenen warmen Herzens schöpften, brauchten unsere Mütter keine Vorschriften. Was die jüdische Frau in der langen Zeit des Martyriums dem Manne gewesen ist, das sagt uns jene herrliche Sitte, daß der Mann, wenn er am Freitag abend — und das ist wohl die herrlichste Blüte unseres Gemütslebens — aus der Synagoge kommt, noch ehe er sich an den Sabbattisch setzt, noch ehe er Kidusch macht, sein jüdisches Haus und sein jüdisches Weib besingt. Die beiden gehören unzertrennbar zusammen. Nie wäre das Flügelrauschen der Sabbatengel dem jüdischen Ohre und dem jüdischen Herzen vernehmbar geworden, wenn nicht dem Manne eine Frau zur Seite gestanden hätte, die sorgend und helfend, kämpfend und tröstend — zwar mit anderen Waffen, aber immer mitkämpfend und mitschaffend, immer wieder und wieder sich da einfand, wo es not tat. Nicht umsonst haben unsere Weisen, die mit dem Adlerblick, die Frau das Fundament des Hauses genannt, die jüdische Frau hat das jüdische Haus zu dem gemacht, was es gewesen ist — der Stolz und der Segen unseres Volkes. Dem Engländer ist bekanntlich' sein Haus ein Castle, ein gefestigtes Schloß. Gefestigt und gesichert war uns Juden jahrhundertelang nichts. Auf nichts konnte der gehetzte jüdische Mann bauen, als auf die niemals wankende Treue seines Weibes; und das hat in unserem Familienleben jene wunderbare Reinheit und Hoheit begründet und erhalten. Meine Damen und Herren! Man hat es dem Judentume vorgeworfen, daß es den Frauen keine Thora-Kenntnisse, keine theoretische Begründung der „Mizwaus" beigebracht hat. Es mag ja ein Fehler gewesen sein; aber er war ungefährlich. Die Frau wurzelte nocli tiefer, noch ausschließlicher im Judentum als der Mann. Der Mann kam durch Geschäftsreisen, durch Studien mit der Außenwelt in Kontakt und empfing Anregungen, Eindrücke. Keine fremde Kultur ist ganz spurlos an uns vorbeigegangen. Die Frau aber wurzelte mit ihrem Denken und Träumen, mit ihrem ganzen Sein und Wollen einzig und allein in ihrem Judentum, und mochte sie es auch nicht mit dem theoretischen Erkennen erfassen, mit ihrem Gefühlsleben hatte sie es voll und ganz erfaßt, und so ging die brennende Fackel der jüdischen Tradition wie ein „Ner tomid" von Mutter zu Tochter, bis andere Zeiten kamen! Es kam eine Zeit, wo