Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 206)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 206 - treuer Hut und Förderung geliehen überkommen, und wir sollen sie wie alte gute Sitte, wie die greifbaren Denkmale großer Taten der Nachwelt unverletzt und rein bewahren. Die Sprache zu fördern, ist freilich nur Sache auserwählter Geister, aber schirmen und hegen können sie alle. Wir dürfen aber unsere Aufgabe nicht darin erblicken, nur den Buchstaben zu hüten. Wir wissen ja alle: Die Sprache ist im Fluß und gar manches, was früher geschrieben werden durfte, wird kein Mensch mehr als mustergültig halten wollen. VII. Während vielfach allgemein behauptet wird, die Presse allein trage an der Sprachverderbnis Schuld, muß doch betont werden, daß die Zeitungen wesentlich mitgewirkt haben, daß an Stelle des alten, schwerfälligen Gelehrtenhebräisch ein leichterer, glatterer Stil getreten ist. Allerdings sündigen die Zeitungen vielfach gegen die Sprachreinheit, indes die Schnelligkeit, mit der die Zeitungen hergestellt werden müssen, darf nicht außer Acht gelassen werden, man darf an die Tagespresse nicht den Maßstab legen wie an Werke, die für längere Dauer berechnet sind. Nichtsdestoweniger ist es Pflicht, auch die Presse nach dieser Richtung zu beeinflussen. VIII. Wir haben viele Probleme, die durch Gesamtarbeit gelöst werden müssen. Wir haben beispielsweise eine überaus elende Schreibung für Fremdwörter, die durchgreifender Regeln entbehrt und voll ist von Widersprüchen, — eine Schreibung, die in sehr vielen Fällen der Sprache nicht gerecht wird. Wir erfreuen uns nicht einer allgemein gültigen Aussprache, lieber zahllose Fragen der Formen und Satzlehre herrscht Uneinigkeit: dem einen gilt dies, dem andern das für richtig. Für tausende von Begriffen fehlen uns noch Bezeichnungen. Eine Sprache, in der noch so viel unfest und unfertig ist, eine Sprache mit so ungefügem, unsicherem Wortstoff kann uns noch nicht national befriedigen. Wir haben Schriftsteller und Dichter,« und ihre Leistungen sind unser Stolz mit Recht. Gewiß, das Genie lehrt jede Sprache schön reden. Aber wenn eine solche Sprache nicht emporgetragen wird durch allgemeinen Geist, hohe Gesinnung und Gefühl für edle Form, werden ihre Unvollkommenheiten gar zu störend. Auf Grund der dargelegten Prinzipien stelle ich den Antrag: „Der Kongreß möge die Initiative ergreifen zur Gründung eines allgemein-hebräischen Sprachvereins und einer Sprachakademie. Der allgemeine hebräische Sprachverein soll geschaffen werden, um: 1. Die Erhaltung und Wiederherstellung des echten Geistes und eigentümlichen Wesens der hebräischen Sprache zu fördern, und 2. auf diese Weise das nationale Bewußtsein im jüdischen Volke zu kräftigen.