Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 204)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 204 — von demütiger Bewunderung vor dem Fremden uns erfüllen lassen, während wir vieles von unserem eigenen Schrifttum finden können. Es wird manches Gute geschaffen, aber oftmals stolpern wir über willkürliche und geschmacklose Novitäten. Es werden nicht nur Sprachfehler, es werden auch Sprachfrevel begangen. IV. Die Wortbildnerei muß geregelt werden. Unsere nationale Sprache vereint reine Ursprünglichkeit, Weiterbildsamkeit und hohes Alter mit jugendlicher Frische. Sie ist ein Werk aus einem Guß und Fluß. In der Teilbarkeit, Versetzung und Zusammensetzung besitzt unsere Sprache eine Vielgestalt, die sich wendet und kehrt und nach allen möglichen Richtungen fortschreitet. Als Uysprache hat sie eine Klarheit zur Mitgift, die jeder Lehnsprache mangelt. Sie ist anschaulich gebildet und lebt im Anschauen. Sie senkt sich in die Tiefen des Gemütes; sie hat kindliche Einfalt treu bewahrt, ist bündig in der Darstellung, erbaulich in der Rede und kernig im Spruche. Sie läßt in Wissenschaft und Kunst niemals Kenner und Könner im Stich, sie kann, treu gepflegt, mit dem Entwicklungsgange Schritt halten, für jede bessere Gestaltung unseres Volkes passen, für jede Lebensfülle zureichend sein und mit dem Wachstum des Volkes an Bildsamkeit zunehmen. Nur müssen die Wortbildner auf die Urgesetze der Sprache Rücksicht nehmen. Niemand hat Fug, zu fragen: Hat schon jemand so gesagt? Man muß prüfen: Darf ,man so sagen? Ist es besser nicht auszudrücken? Man muß also zunächst den ganzen Sprachschatz kennen. Im Erwecken scheintoter Urwörter liegt eine wahre Mehrung und Sprachstärkung. Kein Wort ist für ausgestorben zu achten. Begrabene Wurzeln, die nodi grün sind und in vollem Wachstum neue Stämme, Aeste und Zweige treiben können, bringen Segen und Gedeihen. Jedes wieder in Gebrauch kommende Wort ist eine reichhaltige Quelle. Ein nicht zu verachtendes Hilfsmittel zur Bereicherung unseres Sprachschatzes bilden auch unsere hebräischen Eigennamen — die Gesamtsprache hat hier Fundgruben und Hilfsquellen, die wahren Sparbüchsen und Notpfennige des Sprachschatzes. Beispielsweise ist das hebräische Namensystem das möglichst entwickelte und mit der feinsten Systematik durchgeführte. Alle unsere Namen hatten ursprünglich eine tiefe, sinnvolle Bedeutung. Was unserer Ahnen Geist, Herz und Sinn erhob und bewegte, was ihnen hoch und hehr, groß und schön erschien, das ließen sie in den Namen wiederklingen, die sie ihren Kindern alsbald nach der Geburt als erstes Angebinde, als dauernden Besitz und bleibenden Schmuck fürs Leben beilegten. Benützen wir diesen Stoff in der Sprache und, nebenbei bemerkt, wagen wir es, uns auch wieder hebräisch zu nennen, auch wenn das gegenwärtig nicht üblich ist. Es gibt etwas Höheres als willenlose blinde Unterordnung unter das „Uebliche", das ist ein erkanntes Uebel bekämpfen mit dem Mute der Tat. Der Mensch kann, was er