Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 201)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 201 — Abenteuerliches. Wir selbst haben diese Entwicklung durchgemacht, wir selbst haben an ihr mitgeschaffen. Es war im Anfang ein sehnendes Geflüster, ein Lallen, ein scheues, tastendes Beginnen; jetzt stürmt es mit gewaltigem Schwung vorwärts. Ich erinnere mich, als ich vor dreißig Jahren in einer Versammlung hebräisch sprach, sagte mir ein kritisch gerichteter Freund: Sie sind ein Träumer — „meschugge" wollte er sagen, nur wählte er ein milderes Wort. Vor zehn Jahren sagte er mir bei ähnlicher Gelegenheit: Sie sind ein Dichter, und jetzt macht er mir Komplimente, ich sei ein Prophet gewesen. Nein, lieber Freund — nur ein ganz gewöhnlicher Jude, nur ganz ungekünstelte, freilich1 nicht zu dumme Juden waren wir alle, die sagten: Ohne Rede wird der Sprachleib zum Sprachleichnam und ist diese Schriftsprache die höchste Anwaltschaft der Sprecheinheit, so bleibt die gesprochene Sprache der dazu höchst nötige Lebensstrom. Wir begannen zu sprechen und viele lachten. Hier in Basel sagte mir jemand auf einem der ersten Kongresse, er habe den Eindruck, als ob ich zu ihm „dawente" (orte) — die Töne klangen ihm so synagogal. Schaut Euch jetzt herum, und ihr werdet sehen, wohin die Linie zionistischer Entwicklung läuft! Wir hatten „Safa-Brurah-Vereine", wir haben jetzt in Rußland gegen fünfzig „Chowewe-Sfas-Ewer-Vereine", wir arbeiten zuletzt an der „Histadruth Lesafah Uletarbuth Ibrith" und „Hatechijah" — eine große hebräische Verlagsgesellschaft, bei der sich einige Mäzene hebräischen Schrifttums zusammenfinden, soll begründet werden. Ich könnte sagen: Nach so wenigen Jahren des Wirkens sind unsere Erfolge größer fast, als vorher kühnste Hoffnung erwarten konnte. Die Rosen, die dieser Lenz angezündet hat, sind zahllos. Wo in der Welt ist eine alte Sprache im Laufe einiger Dezennien lebendig geworden? Ich könnte sagen, wir, die nationalkulturellen Zionisten, sind zu einer Macht herangewachsen, mit der man wohl oder übel rechnen muß, und die nicht weit hinter uns liegenden Zeiten sind gründlich vorbei, wo man wähnen durfte, man könne diese Bewegung totschweigen oder mit ein paar seichten Späßchen abfertigen. Die Sachlage bezeichnet gewiß einen höchst erfreulichen Fortschritt. Zugleich aber erwächst aus ihr die ernste und dringliche Mahnung, daß wir nun um so fester halten an den Grundsätzen, denen wir unsere bisherigen Erfolge verdanken. Ich gehöre nicht zu den Zufriedenen. Ist es auch unter uns Zionisten in dieser Beziehung etwas besser geworden, haben wir auch in mancher Hinsicht das Bewußtsein des Vollbringens' und Einheimsens — „was sind wir, wenn wir allein sind?" Wir müssen ja das ganze Volk gewinnen — und draußen sieht es düster aus mit dem jüdischen Nationalbewußtsein und mit der Nationalsprache! Im Westen ist Hebräisch eine Reliquie, in Rußland — ist es bedroht. Die gelehrten Vertreter der Wissenschaft des Judentums schreiben in allen möglichen Sprachen, nur nicht in ihrer eigenen. Die jüdischen Ge-