Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 195)
- Language
- German, English, Hebrew
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- Cicero 1× ep/1024888
- Homer 1× ep/1025156
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— 195 — Anlegung eines „Pinkas" mit einer schönen Einleitung, ja auch mit Programm, Geschäftsordnung und Organisationsstatut — und es war eine Selbstverständlichkeit, daß all dies hebräisch geschrieben werden mußte. Die Sprache der Nation mußte jedem jüdischen Beginnen die Weihe erteilen. Und wie lebte diese Sprache! Bald war sie erhaben, feierlich und majestätisch, bald — frei, leicht und sachlich; bald ergoß sie sich wie ein Lavastrom in Strafpredigten und zuckte blitzesprühend ihr Schwer*, bald girrte sie mit liebevoller Anmut wie eine Taube; sie hatte eine Kraftfülle — ohne rohe Gewalt, Schönheit ohne Schminke, Ruhe ohne Müdigkeit, hohes Alter ohne Falten und Kindlichkeit ohne Kinderei. Sie zeigte, daß sie alles vermöge, eine unversiegliche Quelle von Kraft und Lust, für jedes Gebiet geeignet, für jedes Zeitalter passend, dem Heiligen dienend und das Alltägliche umfassend, klar deutend und farbenreich, zart und blühend in junger Liebe in Sehir-Haschirim, herzerschütternd und wehklagend mit Jeremjahu, die urewigen Wege der Vorsehung erforschend mit Jjob, in unvergleichlicher, keuscher, naturreiner Bescheidenheit erzählend mit Ruth! Andere Zeiten kamen, schlaff hingen die Harfen an den Trauerweiden an den Bächen Babylons. Alles wurde stumm, dürr und kahl. Die Lewiim wollten das Lied Gottes auf fremden Boden nicht mehr anstimmen — sie stimmten es aber doch an! War ja der Aufschrei dieser Weigerung selbst einer der gewaltigsten Psalmen, der das Blut in den Adern ererstarren läßt! Die Sprache trieb die herrlichsten Blüten weiter. Schon war die Stunde der Zerstörung nahe, als die Sprache in der Mischnah mit riesigem Reichtum und sinnesklarer Genauigkeit erstand, um späterhin das wunderbare „Meer des Talmuds", das alle Küsten der Wohnsitze unseres Geistes umspülte und befruchtete, trotz gemischter Idiome, zu durchleuchten. Und wie erblühte diese Sprache wieder im goldenen Zeitalter der Juden Spaniens! Nie hatte in der Weltgeschichte eine solche Renaissance einer Sprache stattgefunden. Wo sind in tausend Jahren nach Homer, Ovidius und Cicero neue Homer, Ovidius und Cicero erstanden? Aber mehr als tausend Jahre nach Jeschajahu, Jirmijahu und Jechezkei sind neue, gottbegnadete Seher erstanden, die Halevi, die Gabirol, die Ibn Esra — weil der Genius unserer Sprache nicht gestorben ist, sondern immer neue, holde Wunder schafft. Aber nicht nur ein dichterisches Blühen war es, es war auch ein Leben. Die Kette unserer nationalen Sprache zog sich ununterbrochen, sie umfaßte alle Wissenschaften und Künste, sie behandelte alle Fragen der Gewerbe, alle Angelegenheiten des menschlichen Lebens — alles wurde in dieser Sprache geschrieben, sie begleitete uns auf allen Lebenswegen, sie ging mit uns durch das Tal der Todes- 13