Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 183)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 183 — verfaßt ist, und eine Meinung aussprechen, die in keinem Zusammenhangmit der Sache steht, die den Gegenstand der Debatte bildet. Del. Trietsch (fortfahrend): Der Zusammenhang wird von einigen nicht gesehen. Ich spreche von der jüdischen Auswanderung nach Palästina und nach der Türkei. Es wird mir auch nicht der Vorwurf gemacht, daß ich die Sache hier vorbringe, aber ich darf es nicht vorlesen; ausdem Kopfe darf ich es sagen, auch wenn ich dann ausführlicher werden muH Ich will aber den Vorsitzenden nicht kritisieren. Geehrter Kongreß! Es bleibt für die Türkei fast nur das jüdische Element, das überhaupt nur in Frage kommt. Denn die Türkei hat berechtigte Bedenken gegen die Einwanderung aus Europa, aus Staaten, die in der Türkei auch einen Großmachtsstandpunkt vertreten oder Interessen in Zukunft haben mögen. Die jüdische Einwanderung nach der Türkei ist ein notwendiger Faktor in der Ergänzung der türkischen Volkselemente. In dem Sinne ist 'es notwendig, zu untersuchen, ob die jüdische Einwanderung, die heute nach der Türkei so klein, nach dem Westen so groß ist, bezüglich dieser Proportion nicht in ganz kurzer Zeit wesentlich umgestaltet werden kann, ob wir nicht in wenigen Jahren bereits eine große jüdische Einwanderung nach der Türkei haben können und ob nicht heute schon ein Anfang dazu gemacht werden kann. (Ruf: Aber mit dem roten Zettel!) Ein liebenswürdiger Teilnehmer der Versammlung hat mir zugerufen: „Aber mit dem roten Zettel!" Wir denken doch alle daran, daß die türkischen Zustände und das Verhältnis der Türkei zu uns sich ändern wird; aber auch in Nordamerika gibt es den roten Zettel. In Nordamerika ist der Emigrant unter der Kontrolle der Einwandertingsbehörde. Und nicht mehr besagt auch der rote Zettel. Der rote Zettel ist das rote Tuch. Es ist eine Albernheit, wenn der rote Zettel in dieser Weise übertrieben wird. Es ist ein Papier, das die Türkei davor sichert, daß Angehörige anderer Nationalitäten in ihr Land in allzu großen Massen kommen und ihr vielleicht Schwierigkeiten bereiten. Das soll durch dieses Formular, das zufällig auf einem roten Papier gedruckt ist, vermieden werden. Nur, wir haben in Nordamerika und in England gesehen und sehen es überall, wo die jüdische Auswanderung sich hinwendet, daß sie hauptsächlich in städtischen Berufen tätig ist. üs war unser größter Fehler bisher gewesen, daß wir die jüdische Einwanderung in Palästina nur unter dem Gesichtswinkel der Agrarkuitur bisher betrachtet haben. Wenn bei Ihnen einmal ein neuer Gedanke vorgebracht wird, der nicht allen von Ihnen so geläufig ist, dann denken Sie leicht, er sei ein Gegner des Bisherigen. Ich bin kein Gegner der jüdischen Landwirtschaft in Palästina, ich würde sie gern so groß wie möglich sehen. Aber ich stehe unter dem Eindrucke des furchtbaren Mißverhältnisses bezüglich der Kosten. Es ist in diesen Tagen auf eine Anfrage an maßgebender Stelle gesagt worden, eine Ansiedlung von anspruchslosen, jungen Leuten wird doch 5000 Francs pro Familie kosten. Solange etwas Derartiges der Fall ist, ist an eine große Einwanderung nach dem Orient oder nach Palästina auf landwirtschaftlicher Basis nicht zu denken. Die Antwort war falsch, und ich werde es zeigen — wenn auch nicht zu diesem Punkte, denn es würde zu weit führen —, daß wir eine gewisse landwirtschaftliche Ansiedlung herbeiführen können mit der Kostendifferenz zwischen der Auswanderung nach Nordamerika und nach dem Orient. Nach Nordamerika braucht eine Familie von 5 Köpfen bloß für die Ueberfahrt 1000 Mark, nach Palästina bloß 200 Mark. Das ergibt bei der bloßen Ueberfahrt eine Differenz von 800 Mark, welche genügt, um dort eine landwirtschaftliche Siedlung herbeizuführen. Das ist schon ein Stück unseres Problems, das wir nicht in seiner Bedeutung unterschätzen sollen. Das: