Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 173)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 173 — Einwanderung bilden, d. h. 92 Prozent der Juden, die nach London ausgewandert sind, wohnen nur in zwei Stadtteilen von London. Und ähnliche Verhältnisse bestehen in New York, in Chicago und Philadelphia und einer Reihe von anderen Orten. Das sind Verhältnisse, welche sowohl aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten, als aus gewissen nationalen Neigungen und Stimmungen resultieren. Nun kann es aber dahin kommen, daß die Regelung der Auswanderungsfrage eine ganz andere Richtung nimmt, daß diese natürliche Erscheinung künstlich umgemodelt wird, daß man die Juden, anstatt zu konzentrieren, zu zerstreuen strebt und daß man dies entgegen dem innersten Willen der Juden auch erreicht. In den letzten Jahren ist dieses Bestreben zweifellos die Parole derjenigen Juden, welche ganz oder halb assimiliert sind. Darin sehen sie ja ihre» Lösung der Judenfrage. Denn richtet man sich nur nach dem Prozentverhältnis der Juden zur Gesamtmenschheit, so wäre ja potentiell die Judenfrage auch im assimilatorischen Sinne zu lösen. Wenn die Juden so zerstreut wären, daß in jeder Stadt so wenige Juden wären, daß sie im Milieu aufgingen — eine historische Unmöglichkeit ist es nicht, daß die Juden dann doch untergehen. Selbstverständlich kann das voll und ganz deswegen nicht erreicht werden, weil wir schon große jüdische Zentren haben, die man doch nicht vernichten kann. Wohl aber kann man das jüdische Volk zerbröckeln und wesentliche Teile des jüdischen Volkes so assimilieren, daß sie für uns verloren gehen. Es ist wahr, daß für das Volkstum an und für sich in erster Reihe nicht die Quantität, sondern die Qualität eines Volkes in Betracht kommt. Wenn aber konsequenterweise dahin gewirkt wird, daß das Quantum des Volkes »geringer und geringer wird, führt es zweifellos auch dahin, daß die Qualität des Volkes geschwächt wird. Heute wandern allein aus Rußland jährlich im Durchschnitt etwa 100 000 Juden nach den Vereinigten Staaten aus. Welcher Unterschied wird es sein, ob wir wirklich in ein paar Staaten von Amerika Millionen Juden zusammen haben werden, oder ob diese Millionen in kleinen Einzelsplittern über die gesamten Vereinigten Staaten zerstreut sein werden, und nicht nur über die Vereinigten Staaten, sondern über ganz Amerika und alle übrigen Länder der Weit? Was werden wir damit erreichen? Daßwir auch keine Splitter von Juden in den Ländern haben werden. Den einzelnen wird dann vielleicht geholfen sein, aber dem jüdischen Volke wird nicht geholfen sein, sondern es wird der größte, ein historisch vielleicht nicht wieder gut zu machender Schade am Judentum verursacht werden. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Können wir darum als Zionisten solchen Erscheinungen gegenüber ruhig dastehen und müssen wir nicht vielmehr unser Veto gegenüber solchen Bestrebungen einlegen? In dieser Hinsicht werden wir nicht als isolierte Zionisten verfahren können, es werden uns alle diejenigen, denen daran liegt, daß das jüdische Volkstum erhalten werde, daß die jüdische Nation nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich als Organismus erhalten werde, helfen müssen, und darum ist es auch von unserem zionistischem Standpunkte aus höchst wichtig, daß wir uns als Zionisten an denjenigen Bestrebungen beteiligen, welche die Auswanderung: fördern. Die Auswanderung, welche allein in den letzten 10 Jahren bereits eine Million Juden betroffen hat, die also fast den zehnten Teil der Judenheit in Bewegung erhalten hat und alles dies in dem einen oder dem anderen Sinne geregelt hat, kann von uns nicht als eine uns nicht berührende Frage behandelt werden. Ich verstehe gar wohl, daß jeder von uns innerlich weit mehr erfaßt wird, wenn er sozusagen etwas Nationalpositives schafft, aber hier gilt es zu verhüten, daß national-negative Werke geschaffen werden, daß nicht etwas gegen die nationale Arbeit geschaffen werde, und darum