Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 161)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 161 - berechtigt mich, Ihnen ein neues Kapitel aus dem Leid, ein neues Klagelied über das Schicksal unserer Brüder vorzutragen. Meine Verehrten, das Wandern ist dem jüdischen Volke wahrlich nichts Neues. Seit Pharao und Nebukadnezar bis zum heutigen Tag war die Fläche des Judentums immer eine sehr bewegliche. Es brauchte nur ein Stein hineingeworfen zu werden, und die Fläche fing an, sich zu bewegen und Wellen zu schlagen. Aber so beweglich war sie nie, wie in der letzten Zeit; da sind gar viele Steine, und gar zu schwere Steine, in die Fläche des Judentums hineingeworfen worden, und dementsprechend sind die Wellen auch so groß geworden, wie sie nie waren. Meine Verehrten! In vieler Beziehung ist das jüdische Volk ein Unikum, es ist auch ein Unikum in der Auswanderung. Eine solche Auswanderung, wie wir sie jetzt haben, hat das jüdische Volk selbst nicht gehabt, und eine solche Auswanderung prozentual existiert in der Weltgeschichte überhaupt nicht. Die Völker mit der größten Auswanderung, wie die Italiener und die Irländer, geben bei weitem nicht so einen großen Prozentsatz der Auswanderung wie das jüdische Volk. Ich habe mir erlaubt, Ihnen zur Erleichterung' eine Statistik der jüdischen Auswanderung zu verteilen. Sie ersehen daraus, daß nur nach den Vereinigten Staaten in den letzten 25 Jahren 1 800 000 Juden ausgewandert sind. Wenn wir die 20 °/o der Auswanderer — genaue Statistiken haben wir darüber leider nicht — hinzurechnen, die nach den anderen Ländern ausgewandert sind, so sind in den letzten 25 Jahren 2 300 000 Juden ausgewandert» Bloß in den letzten 10 Jahren war die Auswanderung 1 200 000 Juden, das ist ungefähr der sechste Teil des jüdischen Volkes. Wenn es weiter in diesen Dimensionen geht, so wandert das ganze jüdische Volk, das jetzt lebt, in einer Generation aus. Die ganze Auswanderung zur Zeit der Inquisition von Spanien, von der Völker und Geschlechter gesprochen haben, war nicht so groß wie jetzt in zwei Jahren. Es ist beinahe, als ob eine Wiederholung des alten Satzes eingetreten wäre: Daher el bnej jisroel wejissou. Sage den Kindern Israels: Sie sollen wandern. Und wahrlich war am Ende des vorigen Jahrhunderts, gerade da man glaubte, daß die Fläche des Judentums sich ein wenig beruhigt habe, daß eine gewisse Emanzipation eingetreten sei, die schwerste Zeit für das Judentum gekomimen, wo es wieder zum alten Wanderstabe greifen mußte, der ihm schon so viele treue Dienste geleistet, und sidi eine neue Heimat suchen mußte. Denn wahrlich, das jüdische Volk ist ein Am kscheh oreff — ein hartnäckiges Volk: Es will nicht sterben, ja es will nicht einmal altern; und geht es ihm schlecht, dann wird es wieder 11