Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 151)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3476254-3476274--3696-3479838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
— 151 - Aber es gibt ein Mittel. Gehet hin und macht bessere Schulen, wirkt auf die Eltern, dann wird der Sieg auf Euerer Seite sein. Und das ist der einzige Rat, den ich auch den Herren Misrachisten erteilen will. Wir werden Euch unterstützen und werden Eure Lehre nicht bekämpfen, sondern wie gute Freunde werden wir zu Euch kommen. Sucht aber nicht Störungen zu bewirken, meine Gesinnungsgenossen, denn kein Resultat kann daraus entstehen. Ich möchte nicht sagen unethisch, sondern unästhetisch ist der Kampf. Man kann den Gegner nur dadurch bekämpfen, daß man etwas Besseres beschafft. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Jetzt komme ich auf den Sabbath zu sprechen. Ich finde die Frage wirklich ernst. In Rußland, wo russische Juden in ganz anderen Verhältnissen leben, weiß jeder, es existiert kein Sabbath in ganz Südrußland. Es war nur eine Zeit, als die Juden in großem Schrecken waren, da haben sie zwei solcher Sabbathe erlebt. Am dritten Sabbath sagten sie: Das Gesetz ist gegen uns. Gebt uns ein Gesetz: fünf Tage sollst du arbeiten und zwei Tage ruhen, du mußt mit uns einen Kontrakt schließen, denn im alten Kontrakt ist nur ein Tag gegeben und die Polizei besteht auf sechs Tagen. Selbstverständlich wird es Juden geben, die sagen, wir geben unseren Sabbath nicht auf. Aber in Jekaterinoslaw, in Odessa, in Charkow, in Nikolajew und überall in den anderen Städten, wo Juden mit der anderen Bevölkerung in Berührung kommen, habe ich gesehen, der Sabbath ikann wirklich im Golus verschwinden, und da droht uns eine Gefahr in dem Augenblicke, wo die Juden den Sabbath aufgeben. Denn den Sonntag werden sie nie im Leben als heilig bedachten. Vielleicht werden sie nur ein Glas Bier mehr trinken, aber selbst den Getauften fällt es schwer, am Sonntag den Schabbesrock anzuziehen. (Lebhafte Heiterkeit und Händeklatschen.) Da habe ich gesehen, daß eine Gefahr für das Judentum droht; denn wenn die Juden sieben Tage arbeiten werden, wird man auf sie auch das anwenden müssen, was Herr Berlin ausgesprochen hat. Sie werden sich in Ochsen, Esel und Lasttiere verwandeln. Sagen Sie, gibt es ein Land oder auch nur ein Fleckchen in der Welt, wo der Sabbath so schön ist wie in Palästina? (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Verfallen Sie, geehrter Kongreß, nicht in Kleinlichkeiten, sondern nehmen Sie die Erscheinung, wie sie sich in Beziehung auf das Ganze darstellt. Ich werde Ihnen da eine Geschichte erzählen. Ich hatte einen bekannten Juden, der sehr fromm war, ich achte ihn sehr. Herr J u d e 1 - son ist nach Palästina gegangen und da habe ich Angst bekommen, daß er dort sehen werde, daß die Jugend nicht sehr fromm sei und dachte mir fortwährend, welchen Eindruck wird er mit nach Hause bringen? Und als er zurückkam, fragte ich ihn beinahe zitternd: Nun, was haben Sie in Palästina gesehen? Er antwortete: Sie wissen doch, in meinem Geschäfte sind Schabbes die Läden zu, aber meine Angestellten sind darin, weil ich doch das Geschäft weiter treiben muß. Meine Kinder habe ich getrachtet, für den Schabbes vom Schulbesuche zu befreien, sie gehen aber doch in die Schule, weil es ihnen zu Hause zu langweilig ist. Ich bemühe mich, daß bei mir alles nur jüdisch aussehe, es ist aber gojisch. In Palästina bemüht man sich, es soll alles gojisch aussehen, es ist aber jüdisch. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Geehrter Kongreß! Fassen Sie es nicht nur als eine kleine, vielleicht sogar hübsche Erzählung auf, sondern es steckt eine große Wahrheit darin, die von dem Manne mit Schlichtheit ausgesprochen wurde, ohne aber deshalb von ihrer elementaren Kraft etwas einzubüßen. Der Mann hat die Wahrheit gesprochen. Jüdisch ist für uns der Gesamtbegriff. Ich weiß, ich fühle es, was es heißt, wenn ich mein Kind in die Schule schicken muß und Nationaljude bin — und vielleicht nicht einer