Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 150)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 100% known words query
- IRI
…/3476254-3476274--3695-3479837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 150 - Palästina Schulen geschaffen? Hat denn die zionistische Organisation überhaupt etwas geschaffen, was erzieherisch wirkt? Ich meine mit Ausnahme der Bank usw., die ja nur im breiten Sinne des Wortes erzieherisch wirkt. Aber nicht von dieser Erziehung sprechen wir. Da sind doch Leute gekommen, Chaluzim, arme, junge Leute, die nichts hatten. Sie hatten aber eine Seele, sie wollten sich ausleben, sie hatten ein schöpferisches Talent, und diese schöpferische Kraft hat dort etwas geschaffen. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Auf eigene Faust haben sie dort gearbeitet. Das Odessaer Comite hat in Palästina Schulen geschaffen. Die Organisation als solche hat keine einzige Schule in Palästina errichtet. Ob mit Recht oder Unrecht, ist eine andere Frage. Aber es kommen Eltern nach Palästina und was treiben diese? Ich habe dieses Element kennen gelernt, das strebt nach besseren Bedingungen, damit es sich ausleben kann. Und wissen Sie, was das bedeutet? Wir befinden uns jetzt in der ganzen Welt in einer solch schrecklichen Situation, daß niemand eine Garantie für seine Enkelkinder, geschweige denn für seine Kinder übernehmen kann, ob noch in der nächsten Zukunft ein Zusammenhang zwischen ihm und diesen bestehen bleiben wird. Dorthin aber gehen Leute, die für sich arbeiten. Das ist die Seele des Volkes, das ist das Beste vielleicht noch, was im Volke ist. Sie gehen hin und retten noch etwas, wie mancher einen Feuerbrand rettet. Verkennen Sie nicht die Verhältnisse. Hunderte und Tausende unserer besten Jugend gehen von uns weg, um nie mehr wieder zurückzukehren, und wir stehen mit einer Gleichgültigkeit, mit einer verbrecherischen Gleichgültigkeit da; denn wir haben für diese Jugend nichts geschaffen. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Und da gehen Leute nach Palästina und schaffen und wirken, sie wollen etwas für die Zukunft schaffen. Es schadet nicht, daß in dieser oder jener Schule nur Platz für 300 Kinder ist, es schadet nicht, wenn man von einer Hochschule spricht, die nur einige hundert Plätze hat. Das Leben ist in gewissem Sinne eine Lotterie. Jeder hofft, das große Los zu ziehen, und wie viele solcher Leute sind von dem Gedanken allein, daß man etwas schaffen wird, gerettet worden. Man will dort in Palästina etwas schaffen; Dort sind unsere Chaluzim. Verbittern Sie doch diesen jungen Leuten nicht das Leben, erschweren Sie ihnen nicht die Arbeit. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Geehrter Kongreß! Wir sprechen hier nicht von den Schulen, aber nur als Beispiel möchte ich anführen: Es mag sein, daß wir nicht das beste Lehrermaterial haben, aber wissen Sie für 1200 oder 2400 Frs. Menschen mit akademischer Bildung, die sich dazu hergeben? Wir können uns glücklich schätzen, daß wir solche Idealisten haben, kein Staat hat hat solche Leute! (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Geehrter Kongreß! Ich blieb einmal beinahe sechs Wochen in Jaffa und habe mich in einen Schüler des so vielbesprochenen Gymnasiums dortselbst verwandelt, und da habe ich gesehen, wie mühsam die Lehrer dort Unterricht erteilen. Um eine Stunde Unterricht zu geben, müssen sie fünf Stunden arbeiten. Ich habe gesehen, wieviel sie für den Unterricht zusammentragen müssen, ähnlich den Bienen, die unzählige Blumen aufsuchen, bis sie einen Tropfen Honig schaffen. Es mag sein, daß ich nicht mit den Anschauungen dieser Leute übereinstimme, aber ich habe sie dennoch beneidet. Es gibt nur ein Mittel, wie man den Kampf aufnimmt, das ist ein ideeller Kampf oder ein Ideenkampf, etwas Besseres zu machen. Es gibt keinen anderen Weg und kein anderes Mittel, den Gegner zu bekämpfen, als durch ein besseres Beispiel. Wir führen den Kampf gegen die Alliance Israelite Universelle. Der Sieg ist nicht auf unserer Seite, nicht weil andere Herren in den Vorstand gewählt sind, sondern weil die Schulen und das System bestehen und man uns eine zweite Generation, eine vermehrte, aber verschlechterte Auflage liefert.