Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 127)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 127 - meine Umgangssprache ist der Jargon (Rufe: Jüdisch!), also jüdisch, dieser Umstand, von dem ich gesprochen habe, hat mir bei der Volkszählung seitens der Behörden meines Landes eine Strafe von 40 K. eingebracht (Heiterkeit und lebhafter Beifall und Händeklatschen) — ich bitte also zu entschuldigen, wenn ich in ganz schlichten Worten dem Ausdruck gebe, was ich fühle. Im Namen des Misrachi — ich weiß nicht, ob ich das Mandat dazu habe, aber Sie werden mir wohl nicht widersprechen — und im eigenen Namen, und ich glaube auch im Sinne einer großen Zahl Delegierter, die dem Misrachi nicht angehören (Rufe: Sehr richtig! — Unruhe.), verwahre ich mich auf das Entschiedenste, daß in unserem Heiligen Lande unsere heilige Thora mit Füßen getreten wird. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen. — Unruhe.) Ich will niemanden beschuldigen, niemandem zu nahe treten, doch steht die Tatsache fest, daß etwas geschehen ist, was nicht geschehen sein sollte. Es liegt ein offizieller Brief des Vertrauensmanns der ganzen zionistischen Bewegung vor, der durchaus nicht des Zelotismus geziehen werden kann. Derselbe bestätigt in ganz offizieller Weise, daß etwas geschehen ist. Der Inhalt ist den Herren allen bekannt, da der Brief verteilt wurde. Wenn das Direktorium des N. F. versichert, daß es erst in diesem Moment davon Kenntnis erhalten hat, entsteht die zweite Frage, wieso denn Rabbiner Kuk dazu kommt, uns mitzuteilen, er habe dem Direktorium des N. F. bereits lange vorher Mitteilung gemacht. Aber ich will wiederum nicht beschuldigen; ich will nicht oppositionelle Kritik üben. Es ist hier sehr oft urijd mit Nachdruck hervorgehoben worden, daß man die Kritik liebt und daß man die Kritik will. Ich bitte also, nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich doch Kritik übe, nicht um Opposition zu machen oder um Sondergelüsten nachzugehen. Wenn ich das vorbringe, geschieht es in wohlwollender Art, damit das, was uns alle schmerzt, und Sie alle schmerzen sollte, abgestellt wird. Ob die Schilderungen in den Zeitungen übertrieben sind oder nicht, darauf wollen wir uns nicht einlassen. Es liegt etwas vor. Wir können übrigens auch den guten Willen haben, über das Vergangene einen Schleier zu werfen. Was geschehen ist, ist geschehen* Das Geschehene läßt sich nicht wieder zurücknehmen. Aber es handelt sich darum, daß in der Folge derartige Vorkommnisse, ob sie wahr sind oder nicht, überhaupt nicht mehr vorkommen sollen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Meine Herren und Damen! Es hat eine Zeit gegeben und das war, wenn ich mich so ausdrücken darf, die goldene Zeit des Zionismus, wo man an den Charter geglaubt hat, wo man geglaubt hat, die Erlösung des jüdischen Volkes und seine Heimführung auf den geliebten Heimatsboden stehe schon bevor, wir hätten nur die Türe zu öffnen und wir seien schon darin. In einer solchen Zeit hatten wir für die Gegenwartsarbeit nicht viel Aufmerksamkeit. Wir waren ja schon in unseren Gedanken in der Zukunft, wozu also? Nachdem aber diese Charterzeit hinter uns ist und noch auf dem Hamburger Kongresse das Wort geprägt wurde: „Wir können warten", so muß ich sagen, wir haben schon längst gezeigt, daß wir warten können, wir haben es schon vor Entstehen dieses zionistischen Gedankens in der Form, wie er uns jetzt durchglüht, gezeigt, auch unsere Väter und Urväter vor Tausenden und vor Hunderten von Jahren haben gesagt: „Wir können warten"'. Und sie haben gewartet und wir warten bis auf den heutigen Tag. Aber wenn wir warten, so müssen wir für die Gegenwart sorgen. In dem Momente, wo wir vom Warten sprechen, müssen wir ein anderes Moment hervorheben. Es ist nicht nur unsere Aufgabe, für die Erlösung und die Heimführung des jüdischen Volkes zu arbeiten, wir müssen unser Augenmerk auch auf die Erhaltung dieses Volkes richten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.)