Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 74)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 74 — Meine Damen und Herren! „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß." Das ist unser Motto für unseren Zionismus, wir haben zu erobern, wir haben uns zu betätigen, wir dürfen die Hände nicht schlaft in den Schoß legen und denken, die Sache wird weiter von selbst g^ehen. Ich habe deshalb, ohne mich weiter in theoretische Bemerkungen einzulassen — ich werde zwar keine offiziellen Anträge stellen — Ihnen einige Ratschläge zu erteilen. Wenn Sie mir erlauben, Herr Vorsitzender, möchte ich gern betonen, daß wir in einer Beziehung nicht genug arbeiten. Wir haben solche ausgezeichneten Redner und — vergessen Sie nicht — Rednerinnen in unserer Mitte, in unserer Bewegung, daß wir diese in die Städte, Länder und Dörfer hinausschicken sollten, wo überhaupt nur Juden wohnen, um diesen die Augen zu öffnen, damit sie das Große und Nützliche im Zionismus erblicken. (Lebhafter Beifall.) Es ist also unumgänglich notwendig, daß die Leitung unseres Zionismus in allen Ländern sich darum bemühe, daß wir diese Vorträge bekommen. Soeben wurde erwähnt, daß der Vortrag von gestern Abend so bedeutsam und so erfolgreich war. Sie sehen hieraus, was durch Vorträge, besonders mit Lichtbildern, geschaffen werden kann. Besonders bitte ich unseren Herrn Vorsitzenden, daß er sein Augenmerk darauf richte, daß überall dorthin, wo die Verhältnisse am schwierigsten sind und am unvorteilhaftesten liegen, gewiegte Redner entsendet werden, die ihre Vorträge mit Lichtbildern begleiten. Denn das, was das Auge sieht, das glaubt das Herz. Diese Leute sollen dadurch für die Propaganda und Ausbreitung des Zionismus sorgen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich möchte noch einen Punkt erwähnen und halte ihn sogar für den wichtigsten unserer ganzen Bewegung. Unser liebenswürdiger Herr Dr. N o r d a u hat uns dargestellt, daß in der Tat wenigstens direkt oder indirekt alle Länder für die Einwanderung unserer verfolgten Brüder aus dem Osten verschlossen seien. Ich möchte hier nur anschließen, daß ■ ich in meinen früheren Jahren auf der Unisersität Tübingen einen Aufsatz darüber zu schreiben hatte, woher die polnischen und russischen Juden kommen. Vielleicht wissen Sie das nicht. Aber die meisten, die studiert haben, werden es wissen, daß diese russischen und polnischen Brüder nichts anderes sind als die aus dem Süden und Westen Deutschlands zur Zeit der schwarzen Pest vertriebenen Brüder, die man dort aufgenommen hat. Also wir sind nicht verschieden, es gibt keinen Osten und Westen im Judentum, es gibt nur ein Judentum. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich will nun unser Verhältnis zur Türkei berühren und -wünsche, daß Sie einen Augenblick auf das aufpassen, was ich Ihnen zu sagen habe. Vizepräsident Dr. Tschlenow (unterbrechend): Ich muß die unangenehme Pflicht erfüllen, Sie daran zu erinnern, daß Ihre 10 Minuten vorüber sind. Del. Dr. Strauß: Es tut mir leid; darf ich noch um eine Minute bitten? Vizepräsident Dr. Tschlenow: Ich bitte. Del. Dr. Strauß (fortfahrend): Ich möchte gern einen Antrag stellen, Herr Vorsitzender. Ich halte es für nötig, daß die Türkei von unserefl Bestrebungen wirklich offiziell Kenntnis erhält, daß wir offiziell erklären, daß wir keinen Staat im Staate bilden wollen, kein imperium in imperio, sondern daß wir uns nur bestreben wollen, in der Türkei uns als ottomanische Bürger und Bürgerinnen niederzulassen, wodurch die Türkei ihre besten Einwohner erhalten wird. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall und Händeklatschen.)