Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 72)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3476254-3476274--3617-3479759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 72 — fest, daß der Osten bis jetzt in der engeren Leitung nicht vertreten war. Und der Osten ist doch dieser Teil der jüdischen Massen, wo das jüdische Leben in breiten Gewässern dahinrauscht. Wenn ich vom Osten spreche, will ich zum Schlüsse noch einige Worte über ein Land des Ostens sagen, von dem ich komme, von Galizien. Wir in Galizien haben eine sehr schwierige Lage, weil wir gegen die Großassimilation und gegen die Regierung kämpfen. Um Sie zu informieren, sage ich Ihnen, es ist vielleicht das einzige Land, wo die großen Massen und die gesamte jung-jüdische Intelligenz zionistisch fühlt und mit den Zionisten geht. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Sie lesen hier im Berichte des A. C. Galizien betreffend unter anderem: (liest) „Die zionistische Landespolitik hat zwar manche schätzbare Kraft der rein zionistischen Organisation-, Palästina- und Kulturarbeit entfremdet; sie hat aber die Volksmasse unserer Bewegung näher gebracht und den gegenseitigen Kontakt gestärkt. Der Jüdische Klub hat nicht nur in allen politischen Tagesfragen sein jüdisches Wort gesprochen, er hat auch durch seine bloße Existenz die Ehre des jüdischen Volkes hochgehalten. Darin lag auch seine zionistische Bedeutung. Leider ist die Macht, zu der die Organisation durch die Landespolitik geworden ist, nicht genügend für zionistische Zwecke ausgenutzt worden.4' Daß dies aber nicht ganz richtig ist, sehen Sie auf der andern Seite dieses Berichtes über Galizien, wo geschrieben steht, (liest): „Die Zahl der Schekelzahler betrug im Jahre 1910 etwa 2000, im Jahre 1911 etwa 6500." Sie sehen also, daß die Landespolitik uns absolut nicht von dem wahren Zionismus abwendet. (Zuruf: Kongreßjahr!) Nein, meine Damen und Herren, glauben Sie nicht, daß es. das ist! Und wenn Sie es so meinen, dann ist es auch ein Ruhm für uns, denn Sie sehen, daß wir uns nicht mit der Politik begnügen, sondern unsern Ehrgeiz darin sehen, hier auf dem Kongresse so zahlreich vertreten zu sein. Ich will also hervorheben, daß die Landespolitik in Galizien und in Oesterreich dem Zionismus niemals geschadet hat. Wir haben eben jetzt einen heroischen Kampf durchgemacht, wo wir einen großen Heroismus der jüdischen Massen gesehen haben. (Stürmischer, langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Wo wir gesehen haben, wie die ältesten - Greise und junge Männer ihre Brust den Bajonetten und dem Tode darboten, wo 28 Tote als Opfer in ihrem Blute sich wälzten. (Große Bewegung, die Versammlung erhebt sich, stürmische Ovationen.) Präsident Dr. Bodenheimer: Ich nehme das Zeichen der Ehrung und der Teilnahme für die Toten von Drohobycz dankbar zur Kenntnis und bitte die geehrte Versammlung wieder Platz zu nehmen. Del. Dr. L. Reich: Ich will nun schließen. Ich versichere Sie, daß diese österreichische zionistische Politik für die Juden Galiziens der einzige Ausweg ist aus dem Sumpfe der Assimilation und aus der'Zersetzung des sozialistischen Fremdennationalismus herauszukommen. Es ist der natürliche Weg. der den Juden, die verknechtet sind, darüber hinweghilft, das Leid des Alltags zu vergessen und in den hohen Regionen der Ideen leben zu können. Lind deshalb wird diese jüdische Politik der Zionisten immer in der Politik der Juden Oesterreichs das erste Wort behalten, wie das letzte Wort in der Politik der Juden aller Länder dem Zionismus gehört. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Vizepräsident Dr. Bodenheimer: Bevor ich dem nächsten Redner in der Debatte das Wort erteile, möchte ich noch einige geschäftliche Mitteilungen machen. Wie bekannt, hat gestern abend ein Vortrag Dr. Heinrich L o e w e s mit Lichtbildern stattgefunden. Alle Delegierten, welche dort gewesen sind, standen unter dem tiefen Eindrucke dieses Vortrages, und ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß ein derartiger Vortrag überaus wirksam propagandistisch für unsere Sache sein kann. Die Nationalfonds-