Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 49)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3476254-3476274--3594-3479736- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 49 - Sie werden fragen, wie stellen Sie sich die Sache vor und ich werde auch sagen, wie ich mir die Ausführung vorstelle und in weichem Geiste ich bisher gearbeitet habe. Es ist nicht richtig, daß wir dadurch weiterkommen werden, daß wir bloß unermüdlich agitieren. Leo M o t z k i n hat in jener denkwürdigen Haager Debatte gesagt: Unsere Aufgabe ist es, immer wieder an das Volk zu appellieren. Mit Agitation kommen Sie aber zu einem bestimmten Punkte und kommen nicht weiter. Sie werden die Schekelzahl noch um tausende vermehren, das gebe ich zu. Die Agitation ist etwas Wichtiges und ich selbst agitiere bis zur Ermüdung; aber viel wichtiger ist es, das Judentum geistig zu zionisieren, d. h. Ideenpropaganda zu entfalten — und Ideenpropaganda ist nicnt dasselbe wie Agitation. Ideenpropaganda ist etwas ganz anderes. Wir sind nicht so schwach, wie heute gesagt wurde, wir haben für diese Aufgabe etwas ganz Ungeheures. Wir wissen, daß alle Tendenzen, die heute im Judentum noch irgendwie lebendig sind, unbedingt dem Zionismus zustreben müssen. Sie können die Kulturfrage, die Emigrationsfrage, die politische Frage, oder die nationale Frage nehmen — alles, was noch lebenskräftig ist im Judentum, das strebt uns zu. Das ist das Wasser, welches unsere Mühlen treiben wird, nicht die Agitation, und Sie sehen auch heute im ganzen Judentum, trotzdem wir angeblich so schwach sind, diesen Zionisierungs- und Nationalisierungsprozeß ganz klar vor Augen, und ich verlange daher, wenn man uns die Möglichkeit gibt, hier anzuknüpfen, daß sich die Führung mit aller Macht, nicht widerwillig, in den Dienst der Ideenpropaganda stellt. Ich führe Beispiele aus der jüngsten Zeit an. Da ist ein Buch von Dr. Z o 11 s c h a n erschienen; alle kennen das Buch, das dem Zionismus ein neues Relief gibt, das er bisher nicht gehabt hat. Herr Dr. Z o 11 s c h a n hat wissenschaftlich nachgewiesen, daß der Zionismus, d. h. die Erhaltung der Rassenindividualität des jüdischen Volkes, eine Kulturforderung allgemeiner Natur ist; das heißt, unsere Kulturfähigkeit wäre so groß, daß, wenn wir wieder national schaffen könnten, dies ein Gewinn für die ganze Menschheit wäre. Einen solchen Standpunkt müssen wir heute, wenn wir das Glück haben, eine solche neue Idee für die Propagierung des Zionismus zu erhalten, mit aller Macht in den Vordergrund stellen und dürfen eine solche Tat nicht mit einem halben, mißmutigen Artikel abtun. (Lebh. Zustimmung.) Das gilt von dem genannten Werke ebenso, wie es vor vierzehn Jahren vom „Judenstaat" und vor fünfundzwanzig Jahren von Achad Harn galt und morgen vielleicht von Buber usw. gelten wird. Solche und ähnliche Sachen müssen in den Mittelpunkt der Ideenpropaganda gestellt werden. Dasselbe gilt von allen anderen Erscheinungen, die heute im Judentum vorhanden sind. Sie finden in Oesterreich und Rußland eine machtvolle nationale Bewegung, die sogar in das Politische umgeschlagen hat. (Zwischenrufe.) Es ist ja richtig, man kann verschiedener Ansicht sein, ob die Zionisten Oesterreichs Politik treiben sollen oder nicht. Es handelt sich aber für die Leitung nicht um diese Frage, sondern um die klare Erkenntnis, daß diese Bewegung, wie keine vielleicht, das Nationalisieren der jüdischen Massen vorwärts bringen muß und vorwärts gebracht hat. (Lebh. Beifall und Händeklatschen.) Ich sehe das an dem Hauptneste der Assimilation, Wien, wie bedeutend durch diese politische Bewegung Wien nationalisiert wurde. Und wenn die Leitung das sieht, ist es auch nicht richtig, das sie sagt, das ist bloß Sache der Landesorganisation und geht uns nichts an. Auf irgendeiner Seite der „Welt" wird ein kleiner Bericht erstattet. Nein, wenn Sie sich auch nicht in die politische Bewegung einmischen sollen, so müssen Sie doch Interesse und Verständnis für diese Bewegung und für die Bedeutung dieser Bewegung für die Zionisierung der Massen haben; denn jede Nationalisierung ist eine Zionisierung. Es gibt keinen Nationalismus ohne Zionismus. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) 4