Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 27 — eine unbestimmte Unruhe und ein nur zu bestimmtes Mißtrauen gegen uns hervorrufen. Wie denn nicht? Wir können es den türkischen Staatsmännern gar nicht verübeln, wenn sie uns sich energisch vom Leibe halten. Sie kennen uns nicht; sie wissen nichts von uns und unseren Bestrebungen; sie kümmern sich nicht um uns und unsere Bedürfnisse; sie tun es sogar viel weniger, als sie eigentlich sollten und als sie es sehr wahrscheinlich tun würden, wenn sie eine klare Vorstellung davon hätten, was wir ihnen zu sein wünschen und voraussichtlich sein könnten. Das Unbekannte ist immer ein wenig unheimlich. Die türkischen Herren zogen immer die Brauen zusammen und wurden kalt und verschlossen, wenn man ihnen vom Zionismus sprach. Kommen nun Juden, von denen sie annehmen müssen, daß sie genau unterrichtet sind und doch über ihre eigenen Volksgenossen keine verleumderischen Lügen verbreiten werden, und erzählen ihnen, der Zionismus sei eine Verschwörung jüdischer Schwindler gegen die Integrität des ottomanischen Reiches, so haben sie keinen Grund, das nicht zu glauben. Auch die Nüchternen, auch die Urteilsfähigen unter ihnen lehnen es begreiflicherweise ab, sich der Mühe einer eingehenden Untersuchung des Gegenstandes zu unterziehen, und halten es mit Recht für das Allereinfachste, den ganzen Zionismus aus ihrem Gesichtskreis und aus der türkischen Politik auszuscheiden. DaP die Juden, die den Zionismus in dieser Weise bei ihnen anschwärzen, ruchlos gelogen haben könnten, kommt den türkischen Staatsmännern nicht in den Sinn. Sie selbst haben keine Verräter an ihrem Volk in ihren Reihen; es wird ihnen deshalb nicht leicht, sich vorzustellen, daß ein Volk Männer hervorbringen kann, die mit tückischer Arglist ein Werk der Rettung für ihre unglücklichen Volksgenossen hintertreiben wollen. Uns selbst wird es ja furchtbar schwer, unsere Aufklärungsarbeit bei den türkischen Politikern damit zu beginnen, daß wir ihnen sagen, die Juden, die sie über den Zionismus zu unterrichten vorgeben, seien Lügner und Verleumder und Verräter an ihrem Volk. Es verlangt keine große Geistesanstrengung, sich die Wirkung einer derartigen Polemik auf Unbeteiligte vorzustellen. Es liegt nahe, daß die türkischen Herren denken: „Die Feinde der Zionisten warnen uns vor diesen als vor Verbrechern. Die Zionisten ihrerseits erklären, ihre Feinde seien Lügner, Verleumder und Volksverräter. Es könnte wohl sein, daß die einen und die anderen recht hätten, und dann würden wir uns ja vor einer recht empfehlenswerten Gesellschaft befinden!" Wir können uns aber nicht anders helfen. Wir müssen die öffentliche Meinung im ottomanischen Reich in den Stand setzen, sich über uns und unsere Feinde eine eigene Meinung zu bilden. Möge die Schande, die dem jüdischen Volke daraus erwächst, auf die Verleumder zurückfallen. Wir haben die Pflicht, die türkischen Staatsmänner mit den wirklichen Tatsachen bekannt zu machen