Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 24 — Doch damit, daß wir unser Herz erleichtern, haben wir unseren unglücklichen Brüdern nicht geholfen. Keiner von uns kann des eigenen Lebens froh werden, sollte des eigenen Lebens froh werden können, solange er nicht alles daran gesetzt hat, um ihren Leiden ein Ende zu machen. (Stürmischer Beifall.) Mögen die Satten, die Schlappen, die feigen Knechtseelen ihre Tatlosigkeit vor sich und den anderen mit der bequemen Redensart beschönigen: „Nur Geduld — der Fortschritt der Gesittung wird auch den Judenverfolgungen unfehlbar ein Ende bereiten!" Wir haben uns diesen Fortschritt der Gesittung beim hellen Licht des IQ. und 20. Jahrhunderts genau angesehen; wir haben ihn sorgfältig gemessen undiwir haben festgestellt, daß er weit langsamer ist als die Verwüstung, die der Judenhaß', unter uns anrichtet. (Sehr richtig!) Unsere unglücklichen Brüder können nicht warten, bis der Fortschritt der Gesittung auch ihre Henker und Folterknechte erreicht haben wird; sie würden vorher der Sorge, dem Kummer, dem Elend, der Not, der Unwissenheit, der Krankheit erlegen sein. Es gibt für sie nur ein Heil: die Auswanderung. Und nicht etwa wie früher die Auswanderung nach irgendeinem beliebigen Lande. Sie haben heute leider nicht länger die Wahl. Ein Land nach dem anderen verschließt sich vor ihnen und die alte homöopathische Heilmethode der Wohltätigkeitsjuden mit Rats- und Geheimratsrang und dem Bändchen im Knopfloch, die darin besteht, die Uebel der Zerstreuung mit einer noch weit ausgedehnteren Zerstreuung zu behandeln, ist heute nicht länger anwendbar. Ohne zu verkennen, was namentlich die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten für unsere Brüder gewesen sind, ohne zu übersehen, daß Einzelne und Gruppen ausländischer Juden in England, Frankreich, Italien, Holland, den skandinavischen Ländern ihr Glück versuchen dürfen, muß ich doch sagen: Ich sehe nur noch ein Land, das seine Grenzen gegen die Massen einwanderung der verfolgten Juden und ihre bäuerliche Ansiedlung nicht grundsätzlich versperrt hat: die Türkei. (Stürmischer, langanhaltender Beifall u. Händeklatschen.) Es ist eine eigentümliche Fügung, daß alle Wege des wandernden Judenvolkes nach1 'der Türkei führen, alle Beweggründe seiner Wanderung ihm diese Richtung weisen. Daß wir Zionisten von vornherein die Türkei ins Auge gefaßt haben, ist selbstverständlich, da Palästina eine Provinz des ottomanischen Reiches ist. Aber auch die nichtzionistischen Juden, die Juden, die dem Zionismus feindlich gegenüberstehen, die nicht zugeben wollen, daß Palästina für das jüdische Volk denn doch noch eine andere Bedeutung hat als irgendein beliebiges Land, das noch Menschen aufnehmen und ihnen Erwerbsgelegenheiten bieten kann, auch die nichtzionistischen, ja zionsfeindlichen Juden, sofern sie sich mit dem Problem der jüdischen Wanderung und Ansiedlung beschäftigen, gelangen im