Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 23 — dann freilich . . . (Heiterkeit, lebhafter Beifall und Händeklatschen), dann freilich hält man sich bei seiner Unabhängigkeit nicht auf, dann lacht man über seine Souveränetät, dann greift man in seine inneren Angelegenheiten nach Herzenslust ein, so oft, so tief, wie man es irgend für nützlich hält. Für nützlich! Das ist der springende Punkt. Das einzige Gesetz, das man in den Beziehungen von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk als bestimmend anerkennt, ist der Nutzen. Wenn man die „Menschlichkeit", die „menschliche Gemeinbürgschaft" der Regierungen und Völker anruft und von ihnen Taten fordert, dann antworten sie trocken: „Eine Tat der Menschlichkeit? Was bringt sie uns ein?" (Heiterkeit, Beifall und Zustimmung.) Politik, Diplomatie, internationale Beziehungen sind eine doppelte Buchführung mit Soll und Haben. Und haben Regierungen und Völker sich ausgerechnet, daß ein Schritt zugunsten von Millionen ruchlos mißhandelter Nebenmenschen ihnen kein Profitchen abwirft, so weisen sie das ihnen zugemutete uneinträgliche Geschäft kaltblütig zurück, dann ziehen sie den Kontorrock aus, sind wieder Idealisten (Heiterkeit), beglückwünschen sich zu ihrer adligen Gesinnung und brandmarken uns Juden wegen unseres gemeinen Schachergeistes und unserer semitischen Unfähigkeit, uns zu vornehmer, idealer Selbstlosigkeit zu erheben. (Stürmischer, minutenlanger Beifall und Händeklatschen.) Ich weiß nicht, ob es unter uns Juden noch kindliche Seelen gibt, die auf eine Regung des vielberufenen europäischen Gewissens hoffen und von einer Interpellation in einem Parlament, einer Rede in einer Volksversammlung, einem Artikel in einer großen Zeitung eine Besserung der Lage erwarten. Das europäische Gewissen! Es ist eine höchst diskrete Person (lebhafte Heiterkeit), die wohlgezogen zu schweigen weiß, wenn ihre Stimme von vornehmen Ohren als störend empfunden werden könnte. (Heiterkeit.) Wir haben das europäische Gewissen in Palästen, Ministerhotels, Volksvertretungssälen bisher immer vergebens gesucht — wir haben es nie aingetroffen. Es war offenbar immer viel zu sehr von Ordensvorschlägen und Lobeshymnen auf große Staatsmänner in Anspruch genommen, die irgendeine neue Folterung für die jüdischen Massen ersonnen hatten. Wir für unsern Teil haben denn auch das europäische Gewissen aus unserer Besuchsliste gestrichen. (Heiterkeit.) Wenn wir die Verbrechen, die an unseren Brüdern begangen werden, gleichwohl in die Welt hinausschreien, so ist es nicht, weil wir davon irgendeinen Erfolg erwarten. Wir tun es, weil es ein Gebot der Sittlichkeit ist, Heuchlern die Maske vom Gesicht zu reißen (stürmischer Beifall) und Missetäter vor dem Richterstuhl der Gesdiichte und der ewigen Moral anzuklagen, gleichgültig, ob die Anklage einen praktischen Nutzen haben wird oder nicht. (Erneute Beifallskundgebung.)