Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 21 — moralischen Genugtuungen und ihren äußeren Ehren und materiellen Erfolgen. Von einer Proletarisierung in diesem Sinne kann bei der Behandlung der jüdischen Massen nicht die Rede sein. Man schließt sie aus allen höheren Berufen aus, man sperrt sie von jeder Bildung ab, das ist richtig; aber man verwandelt sie nicht in Lohnarbeiter; im Gegenteil, man verhindert sie, Lohnarbeiter zu werden, indem man ihnen den Aufenthalt in fast allen Industriebezirken verbietet, wo sie Löhne verdienen könnten, und indem man ihnen auch da, wo man sie duldet, fast alle gewerblichen Betriebe unzugänglich macht. Es ist soweit gekommen, daß heute bereits Millionen Juden nichts sehnlicher wünschen, als Proletarier werden zu können. Aber man läßt selbst das nicht zu. Parias an Bildung und Geistesentwicklung, Parias an Würdelosigkeit und allgemeiner Verkommenheit sollen sie werden, gewiß; aber Proletarier im modernen wirtschaftlichen Sinne dieses Wortes nicht. Nicht auf die einfache Entrechtung, nicht auf die bloße Proletarisierung, auf die Entehrung, auf die Vertierung, auf die langsame Abwürgung ist es abgesehen. (Stürmische Zustimmung.) An Millionen schuldloser Menschen wird da ein Verbrechen begangen, für das es in der an Massenmorden so reichen Geschichte kein Beispiel gibt. Wenn die Eroberer des Altertums ganze Völkerschaften ausschlachteten und in die Sklaverei verschleppten, floß mehr Blut. Aber diese Missetaten waren der brutale Mißbrauch von Siegen, geschahen in der Erregung von Kampf und frischer Feindschaft, hatten nicht die Abscheulichkeit einer langsamen, beharrlichen, tückischen, kaltblütigen Erstickung ohne anderen Nutzen für die Mörder als die sadistische Lust an den verübten Greueln. Die Niedermetzelung der Albigenser traf nicht so viel wie ein Zwanzigstel der heutigen Opfer des Judenhasses. 'Die Vertreibung der Juden aus dem England Eduards I., aus dem Frankreich Philipps des Schönen, aus dem Rheingau zur Zeit des schwarzen Todes, aus dem Spanien der katholischen Könige war eine erträgliche Maßregel mit einem ganz schwachen Einschlag von Barmherzigkeit und Gewissen verglichen mit der methodischen Tötung durch planmäßige Entziehung der Lebensluft. Ueberdies: den verjagten Juden öffneten sich Zufluchtsstätten; den englischen Frankreich, den französischen Lothringen und Deutschland, den deutschen das Polen Kasimirs dies Großen, den spanischen die Türkei des Sultans Selim. Heute stößt man die Juden nicht offen in die Fremde hinaus; man zieht vor, sie an Ort und Stelle allmählich verkommen zu lassen. Wenn sie sich aber vor der dauernden Folterung durch die Massenflucht retten wollen, gibt es für sie keine Ausgangstür aus dem unerträglichen Elend. Alle Grenzen starren von Bajonetten, die ihre Spitze gegen ihre Brust richten. Ueberall stoßen sie auf Gräben und Schranken; den Aermsten der Armen ist schon heute kein einziges Land mehr gastlich, und selbst die Gebildeten, die nicht völlig Mittellosen,