Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 388 (sequence 388)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3476254-3476272--3418-3479559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 388 — 4. In unserer eigenen Partei hat die politische Neugestaltung eine sehr nützliche Klärung herbeigeführt. Das frühere Schibboleth „Politik oder Praxis" ist verschwunden. Wir sind jetzt nicht mehr nach einem Schema gespalten. In Frage steht jetzt nicht „Politik oder Praxis", sondern wie wir unsere Kräfte entwickeln und weitere Kreise ziehen können, und da ist es an der Zeit, die Schlagworte aufzugeben, mit der Schablone zu brechen und mit der Wirklichkeit zu gehen. Diese Überzeugung dringt in immer weitere Kreise, und unsere Partei gewinnt hierdurch an Einheitlichkeit. Wenn wir noch hinzufügen, daß sich in dem aufstrebenden ottomanischen Staate auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit neue Aussichten eröffnen, und daß eine rege Betriebsamkeit die Möglichkeit finden wird, sich in allen Ecken und Enden zu betätigen, daß die gesetzgeberische Arbeit mit der Zeit die Hindernisse aus dem Weg räumen muß, und daß unsere Bestrebungen und positiven Arbeiten sich auf der aufsteigenden Linie des Fortschritts befinden, so gelangen wir zum Schluß, daß der jetzige Zustand die Keime einer großen Zukunft für uns in sich birgt, und daß diese günstigen Bedingungen bei weitem die vorläufigen Widerstände und Hemmnisse, die Vorurteile und Mißverständnisse überwiegen. Aus diesem Sachverhalt ergibt sich für uns ein politisches und kulturelles Programm, das nicht einmal präzisiert zu werden braucht, weil es schon in der Darstellung der Lage mit genügender Klarheit angedeutet ist. Es ist dies das Programm einer weisen, umsichtigen, mit Sachkenntnis und Intelligenz zu leitenden Politik, die mit den gegebenen Faktoren rechnen wird. Sie gründet sich weder auf einzelne Äußerungen, noch auf momentane Stimmungen, die günstig oder ungünstig sein mögen; sie wird auf Grund der großen Gesetze, kultureller Entwicklung ihr Ziel erreichen. 21. Das Problem des Zusammenwirkens — Die Merkmale zionistischen Charakters — Die nationale Bedeutung der Kleinarbeit Es kann auch gar nicht aasbleiben, daß das Volk immer mehr und mehr sich uns zuwendet. Bei aller Gegensätzlichkeit dürfen wir nicht vergessen, daß jüdische Organisationen einen gemeinsamen Boden unter allen Umständen erhalten müssen für die Selbstrettung, daß also der jetzige Gegensatz nicht zu solcher Schärfe ausarten darf, daß ein Zusammenfinden zu gemeinsamen Zwecken unmöglich gemacht wird. Wenn wir von Berührungspunkten für ein Zusammenwirken sprechen, so ist der gemeinsame Boden gegeben. Er heißt Palästina. Nur müssen wir unsern Standpunkt genau präzisieren, damit das Zusammenwirken kein Sichaufgeben bedeute. Ein Bedürfnis, für das Stammland der Ahnen etwas zu tun, ist bei allen Juden zu bemerken, und die höher kultivierten genügen