Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 383 (sequence 383)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 383 — Das jüdische Wissen muß nicht nur gehoben und vertieft werden, auch in die Breite muß es wachsen, es darf nicht nur Erkenntnis der Forscher, der Wissenden, der Gelehrten, es muß zum Gemeingut breiter Schichten der Volksmasse werden. Wir Zionisten müssen die Pioniere und Bannerträger dieses Strebens sein. Wir müssen das große zusammenfassende Band, das alte Einigungsmittel, die hebräische Sprache, verbreiten, stärken und befruchten. Mit mächtigem Sinn werden wir den Nebel der Unwissenheit zerreißen, den Geist der Zwietracht verscheuchen und die getrennten Teile unserer zerstreuten Nation in Einklang stimmen. Wir müssen uns in jene uns bisher so fremde Welt hineindenken und hineinempfinden. Wir müssen uns gegenwärtig halten, daß alles, was bis jetzt geschehen ist, nur auf dem Wege kultureller Beeinflussung sich vollzogen hat. Zum Teil war das auch beinahe vor einem halben Jahrhundert die Aufgabe der „Alliance Israelite UniverselleMan darf nicht aus den Fehlern gewisser Epochen einen Schluß auf das ganze ziehen. Ursprünglich war es das eifrige Streben dieser großen Institution, die alten Tugenden dem jüdischen Volke wiederzugeben. Energisch, packend, glühend, mit jedem Wort und mit jeder Wendung im Judentum fußend, riefen die ersten Begründer der ^Alliance* die Juden zur Einheit auf in einer Weise, die jetzt als zionistisch bezeichnet und von manchem jetzigen Vertreter dieser Institution aufs schärfste verurteilt worden wäre. Die ältere Generation der sephardischen Juden hatte auch in der frühern Allianceschulen eine ziemlich gute jüdische Bildung genossen. Viele Sephardim, denen man jezt noch begegnet und die sehr gut Hebräisch verstehen, haben dieses Wissen jenen ersten Schulen zu verdanken. Es ist aber leider mit der Zeit anders geworden. Die „Alliance" ließ sich von neuen Strömungen tragen; die Nachäffung fremder Fehler, die fremde Mode brach ein und verdrängte das Nationale. Wenn wir jetzt im Orient zu wirken beginnen, so brauchen wTir nicht die A. I. U. zu bekämpfen; im Gegenteil, wir sind bereit, ihre Verdienste mit Bezug auf die Verbreitung allgemeiner Kultur, wie auch die Verdienste des Hilfsvereins der Deutschen Juden, der wacker und in einem jüdischen Geiste eine ersprießliche Tätigkeit entwickelt, uneingeschränkt anzuerkennen. Unsere Aufgabe wird hauptsächlich darin bestehen, das Nationale mehr zur Geltung zu bringen. Ein Anfang ist in dieser Beziehung von uns auf dem schriftstellerischen Gebiete gemacht worden. Ein ganz neues Gebiet intensiver nationaler Tätigkeit und Erziehung erstreckt sich vor uns, ein Gebiet, auf dem sich uns große Schwierigkeiten entgegentürmen, aber auch glänzende geistige Triumphe winken.