Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 376 (sequence 376)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 376 — In der jüdischen Literatur und in der jüdischen Presse Rußlands ist eine gewisse Schwenkung eingetreten. Das „ Jiddischea hat in vielen Kreisen das Hebräische verdrängt; das Nationale ist vor dem Volkstümlichen gewichen. Von unserm Standpunkt haben wir nie das ..Jiddische* als etwas Geringwertiges verworfen oder herabgewürdigt. Existiert es ja unter den großen Massen als Volkssprache Luid es hat sich ja auch im Laufe der letzten Jahrzehnte literarisch ganz wunderbar entwickelt. Nur ist es etwas ganz anderes und nimmt eine ganz andere Stellung ein als das Hebräische, Hebräisch ist der antike Geist, Jiddisch ist — die Realität; Hebräisch— die Sprache Zions, Jiddisch — die Sprache des Goluth. Nun hat sich auch in den letzten Jahren eine Anschauung geltend gemacht, das Jiddische besitze sämtliche Anlagen und Keime dazu, eine Nationaisprache zu werden. Einen ganz eigentümlichen Ausdruck fand diese Anschauung in einer Konferenz, die zwar nicht auf russischem Boden, sondern außerhalb Rußlands (in Czernowitz) stattgefunden hat, und die vorzugsweise von jiddischen Schriftstellern beeinflußt war. Wir können uns schwerlich dazu entschließen, diese Anschauung als ein dauerhaftes System zu betrachten. Wohl fördert sie manche feinsinnigen, des Nachdenkens werte Gesichtspunkte an den Tag, sie kann aber nicht als historisch berechtigt und logisch stichhaltig betrachtet werden. Sie hat nur den psychotischen Reiz des Neuen, und darin liegt auch ihre Beschränktheit. Sie ist eine Zeiterscheinung. Man muß das ganze innere Getriebe der Entwicklung durchschauen, um zu begreifen, auf welchem Boden dieser Prozeß nebst all seinen Begleiterscheinungen entstanden ist. Die strebenden geistigen und künstlerischen Kräfte, die diese Anschauung vertreten und die jetzige Entwicklung angebahnt haben, sind im Grunde ihres Herzens national. Aber Jüdisches und Menschliches bildet bei ihnen immer noch einen Widerspruch; infolgedessen fassen sie sich nicht zu einem einheitlichen Ziele zusammen, sondern streben einseitig nach dieser oder jener Richtung, betonen einseitig gewisse Bedingungen ihres Individuums und des menschlichen Daseins überhaupt. In diesem Zwiespalt entsteht das Gefühl des Mangels und daraus die Sehnsucht nach der fehlenden Vollkommenheit. Die Sehnsucht des Goluth-Intellektuellen oder des Goluth- Weltverbesserers strebt über die Wirklichkeits-Gebundenheit hinaus, nach dem Abstrakten, nach dem Ideal. Diejenigen, die es nicht vermocht haben, am Zionismus festzuhalten oder sich ihm anzuschließen, suchten es in der Verwirklichung des sozialen Ideals, und ist letzteres auch abgebraucht und abgeblaßt, so ist es die Kunst, die als tröstende Ergänzung und Befriedigung des Gefühls des Mangels dargestellt wird. Ist für die Eigenart des Lebens, wir meinen des jüdischen Lebens, schon gar keine Zuflucht mehr vorhanden, weder eine Autonomie im Goluth,