Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 370 (sequence 370)
- Language
- German, English, Hebrew
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/ — '610 — ' dortigen Gesinnungsgenossen haben den Zionismus zum Gemeingut fast aller empfindenden Juden gemacht. Sie haben das Volk gelehrt, zur Wahrung gemeinsamer Interessen sich zusammenzuschließen. Sie haben die Massen in ihren Bann gezogen, den Wohlhabenden einen Leitstern, den Armen einen Trost gegeben. Nach Maßgabe ihrer Kräfte wirken sie auch erziehlich und bringen ihre Bestrebungen in einer ihren Bedürfnissen entsprechenden Presse in englischer und jiddischer Sprache zum Ausdruck. 10. Die Lage in Rußland — Die verschiedenen zionistischen Erscheinungen Wohin wir immer unser Augenmerk richten, überall ist es die Idee, die in den Vordergrund des Interesses tritt. Wenn dies in Westeuropa und Amerika der Fall ist, so ist es in einem viel höhern Grade in Osteuropa und im eigentlichen Orient der Fall. Das jetzige geistige Leben unseres Volkes in Rußland ist schwer darstellbar. Wir wollen es trotzdem versuchen, diese Lage wenigstens nach der geistigen Richtung zu skizzieren, weil man ohne dieses auch den Zionismus und seine Lage dort kaum begreift. Es zittern dort noch alle Folgen der revolutionären Jahre nach. Eine schwere Atmosphäre, die manchmal in Dunst zerfließt, manchmal auch Wolken ballt, Blitze entlädt, lastet über der Juderischaft jenes mächtigen Reiches. In diesem Zustande und nach den Ereignissen, die uns schwere Wunden geschlagen haben, ist es natürlich, daß die geistige Arbeit der Juden, die dort ihren Schwerpunkt hatte und noch für lange haben wird, in bedenklicher Weise geschädigt und geschwächt worden ist. < Neben den mächtigen Massenkräften und der edelsten Blüte intellektueller Anlagen — ein Durcheinander von auftauchenden, verschwindenden,von ergriffenen,verworfenen,wiedereingeschobenen, hin und her schwankenden Gedanken, welche nicht vollständig zur Reife kommen, weil sie zu schnell aufgegeben werden. Man kann diesen verschlungenen Pfaden nur folgen, wenn man schon den überragenden Gipfel gesehen hat, zu dem sie hinanführen, und das ist der individuelle und nationale Rechtskampf. Die große russische Judenheit ist rechtlos, unorganisiert, strebt nach einem menschenwürdigen Dasein, hängt zum großen Teil an den nationalen Traditionen und umfaßt eine ganze Skala von sämtlichen Parteirichtungen und Schattierungen, so viele der menschliche Geist nur erdenken mag. Alles gärt und ringt nach Form, alles ist voll guter Keime, unbestimmter Sehnsucht und dringenden Verlangens nach Verwirklichung berechtigter Bestrebungen. Eine scharfe, bestimmte Sonderung ist unmöglich. *