Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 368 (sequence 368)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 368 — zu den größten Traditionen unseres Volkes beständig zu verschärfen. Es gab kein Halten mehr auf dieser Bahn. Wenn für das Linsengericht einiger englischer Phrasen die Erstgeburt der nationalen Lehre auf den Versammlungen der Reform-Rabbis beinahe preisgegeben wurde, wenn in einer abgeschmackten und würdelosen Weise die so ausgeprägte Individualität des Judentums in den Brei allgemeiner nichtjüdischer Sekten hineingestampft wurde, so mußte die Assimilation selbst das Erschreckende dieses Memento mori einsehen. Die Parteien, die auf dem Boden des Judentums stehen, regten sich gegenüber diesen immer rücksichtsloser das Haupt erhebenden Faktoren der Volksverleugnung, aber die Formel, welche die Massen zu einer gesammelten Macht zusammenschließen könnte, ist noch nicht gefunden. Der Wille zum Leben, den unser Volk hat, wird früher oder später einen solchen Zusammenschiaß ermöglichen. Auf diesem Gebiete haben unsere Gesinnungsgenossen schon manches geleistet. Je mehr sie befruchtend, aufklärend, führend auch auf dem Gebiete der Gegenwart wirken werden, desto mehr wird es ihnen gelingen, ihre tonangebende Stellung dort zu stärken. Sie haben recht gute Versuche gemacht, ihre Presse zu entwickeln. Die Versuche mit einer hebräischen Presse sind bis jetzt mißglückt, aber es unterliegt kaum einem Zweifel, daß ein neuer Unternehmungsgeist und eine größere Energie vermögen werden, auch auf diesem Gebiete etwas Dauerndes zu schaffen. Es muß hervorgehoben werden, daß sehr zahlreiche und musterhafte modern-hebräische Schulen mit hebräischer Vortragssprache, wie auch viele Vereine für Pflege und Förderung des hebräischen Wissens in Amerika mit großem Erfolge tätig sind. Die jiddische Massenpresse, industriell angelegt und nach amerikanischem Geschmack geleitet, hat alle guten und schlechten Seiten der amerikanischen Presse, wobei manche vielgelesene Blätter das Nationale fördern. Nirgends hat das volkstümliche Judentum seine Sonderart so zur Geltung gebracht und eine solche Tohuwabohu-Kultur der Gasse, manchmal in feinkünstlerischer, oftmals aber auch in groteskvulgärer Weise, in allen modernen Einrichtungen, in Literatur, Presse und Theater ans Licht gefördert. Was in dieser Entwicklung im Laufe der letzten Jahre wahrzunehmen ist, das ist die Erscheinung, daß das Seriöse und Gründliche, früher noch sehr schüchtern, aber jetzt immer sicherer und selbstbewußter hervortritt und von der Gewalt des Vulgären nicht mehr unterdrückt wird. In der Journalistik begegnet man schon ganz gediegenen wissenschaftlichen Abhandlungen, und auch auf dem Gebiete