Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 361 (sequence 361)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 361 — Propaganda schafft langsam weiter. Um dem Zionismus eine große und dauernde Kraft zu verleihen, muß immer wieder von neuem angefangen werden, und von neuem anfangen, das heißt: Volkserziehung. Auf diese Notwendigkeit wurde schon auf dem frühem Kongreß hingewiesen. Die Schule muß zionistisch werden, die Erziehung der Volksmassen muß national werden. Was ist in dieser Beziehung im Laufe der letzten Kongreßperiode geschehen? Und wie entwickelte sich unsere Politik, unser Verhältnis zur Außenwelt und zu andern jüdischen Parteien? Das sind Probleme, die in dem Tatsachenbericht wenig zur Geltung kommen. Wollen wir versuchen, diese Probleme zu beleuchten, und beginnen wir mit der eigentlichen Erziehungsfrage. * * * Solange die Schule nicht bloß die elementarsten Kenntnisse vermittelt, sondern auch für das Leben erziehen will, solange der „Cheder" die wichtigste Erziehungsanstalt unserer Volksmassen in Osteuropa bleibt, so lange kann er auf den wirkungsvollsten, für das Kindesgemüt eindrucksvollsten und nachhaltigsten Unterrichtsgegenstand nicht verzichten, und das ist und bleibt der hebräische Sprachunterricht. Und der Zionismus als nationale Bewegung wird auf die Übermittlung eines so wichtigen, mit seinem Wesen so unlöslich verflochtenen und in der Geschichte unseres Volkes so mächtigen Bestandteils unserer Kultur nicht verzichten können. Diese Erwägung ist in ihrem praktischen Gewicht stärker als alle die theoretischen Schwierigkeiten, die sich aus dein Begriff des modernen Unterrichts herleiten lassen. Es ist dann weiterhin eine Frage der Gerechtigkeit und des Taktes, die Schwierigkeiten, die sich aus dem Zwiespalt unserer heutigen Kultur, aus der Mischung zwischen alten und neuen Elementen in ihr, aus der Spannung zwischen manchen Traditionen und neuen Methoden ergeben, zu überwinden. Es fordert ein hohes Maß von Weisheit, zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen dem Alten und Neuen hier stets die versöhnende Ausgleichung zu finden. Aber eine vollständige Ausschaltung dieses Problems wäre nur ein Zeichen der Schwäche. Wir sind von dem Bewußtsein durchdrungen, daß wir an der Volks er ziehung arbeiten müssen. Ohne nationale Kultur ist der Zionismus ohne Notwendigkeit und ohne Zusammenhang mit der Geschichte, — er ist schnell fertig, oberflächlich, provisorisch und läßt uns feige im Stich, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Im Zionismus liegt der Keim und Kern aller national-sittlichen jüdischen Geistesbildung, und deshalb muß der Zionismus in die jüdische Schule dringen. Wohlverstanden: nicht als Agitation, sondern als Belehrung; keine Politik, sondern liebevolle Pflege der Tradition und Geschichte, und ein lebendiges Behandeln der hebräisch er; Sprache.