Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 353)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 353 — Auf all diesen Gebieten stand die Entwicklungsbewegung im Laufe der letzten Jahre nicht still. Trotz der scheinbaren Stagnation regte es sich mächtig im deutschen Judentum. Wenn auch das eine oder das andere in vereinzelter Gestalt, sofern der tiefe Zusammenhang nicht erfaßt wird, kaum geeignet ist, das nationale Gemüt anzuregen, so ist doch das Ganze, wenn wir uns zu einem Überblick erheben, höchst bemerkenswert. Das große Organisationsproblem, das vom Verband der Deutschen Juden und vom Deutsch-Isra.elitischen Gemeindebund seit Jahren erörtert wird und sich im Projekt verdichtet hat, beschäftigte die Geister sehr lebhaft. Das Nationale wurde nicht zum Gegenstand der Erörterungen, wohl aber kam das jüdische lokale Volksinteresse nach positiver und negativer Richtung zur Geltung. Insbesondere muß der Fortschritt im Bewußtsein der Notwendigkeit der Verteidigung der jüdischen Gleichberechtigung hervorgehoben werden. Die Judentage, besonders der vorletzte, haben dazu manches beigetragen. Dem mattherzigen Zustande, der lähmenden Kälte und dem Indifferentismus, der durch die Assimilation großgezogen wurde, haben die Judentage ein Ende gesetzt. Die Mehrheit der deutschen Juden begreift schon jetzt, daß ein Volk, das um seine Rechte nicht kämpft, notwendigerweise an Spannung, an Geist und Ethos einbüßt. Beim vorletzten Judentag wurden auch nationale Akzente laut, die der philosophischen Vergeistigung und Verschiebung des nationalen Prinzips seitens des Herrn Professors Cohen, Marburg, ein Gegengewicht boten. Tatsächlich ist eine tiefernste theoretische Gegnerschaft, wie die des Professors Cohen, die von einem hohen Idealismus getragen ist, eher geeignet, die denkenden Geister anzuregen und sie dem Nationalen zuzuführen, als dieses zu bekämpfen, Es ist dies eine ganz andere Art der Opposition, als der ursprüngliche leidenschaftliche Entrüstungssturm samt den pompösen, inhaltsarmen;jProtestenu. Der letzte Judentag schwenkte mehr nach der allgemein politischen Seite und verlor sich schier in der Qsimarkenfrage; er entbehrte aber auch nicht eines gewissen Schwunges, der in einem der Vorträge die Weltanschauung des Judentums mit präziser Schärfe zum Ausdruck brachte. Die tiefgehende Verstimmung, welche die scharfe Tonart in assimilatorischen Kreisen hervorgerufen hat, ist symptomatisch wichtig und kann nur dazu beitragen, eine Klärung herbeizuführen und mit der Zeit den Kleinmut, die Zaghaftigkeit und die Zweideutigkeit mancher führender jüdischer Kreise zu überwinden. Wenn das Deutsche Judentum in seinem innersten Wesen erfaßt werden soll, so muß es nicht nur in seinem Sein, sondern auch in seinem Werden begriffen werden. Die Richtlinie dieses Werdens ist gegen die schlaffe Nachgiebigkeit, gegen das Aufgehen 28