Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 275 (sequence 275)
- Language
- German, English, Hebrew
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sich von der Vernunft und den Realitäten des Lebens leiten läßt, dessen Denkart im höchsten Sinne praktisch ist, wird sich niemals blindlings einem überspanntenldealismus hingeben, der ihn bestimmen könnte, gegen diejenigen treulos zu handeln, die ihn aus dem Abgrund errettet haben; nie wird er fähig sein, das Land zu verraten, das ihn gastlich aufgenommen hat, um nachher den gierigen Wölfen, von denen er umgeben ist, anheimzufallen. Er wird sich wohl in acht nehmen, den gerechten Zorn und die verdiente Strafe seiner verratenen Freunde und selbst seiner eigenen Brüder zwecklos wachzurufen. Abgesehen davon kann keine revolutionäre und meuterische Bewegung von einiger Bedeutung entstehen, wenn sie auswärts keinen Stützpunkt hat. Der jüdische Einwanderer im ottomanischen Reiche, der nach Jahrhunderten töricht genug sein wird, dem Phantom einer Unabhängigkeit nachzujagen und die Loslösung vom ottomanischen Staatsverbande anzustreben, — wo wird er eine Stütze finden können? Etwa bei seinen Brüdern in England, Deutschland oder Frankreich, die nichts anderes sind als französische, englische oder deutsche Staatsbürger, und die die ersten sein werden, ein derart schmachvolles Verhalten zu verdammen? Nein, der Jude — mag das Land, das er bewohnt, Chaldäa, Judäa oder Türkei heißen — wünscht nichts anderes, als frei zu sein, frei in allen seinen Handlungen und Bewegungen und im Vollbesitze aller seiner Bürgerrechte, um seine sittlichen und geistigen Eigenschaften frei entfalten zu können. Diese Bürgerrechte sind ihm aber durch die Verfassung vollständig gewährleistet, und wenn sie jemals den Bürgern des türkischen Reiches vorenthalten werden sollten, ao werden es nicht die Juden allein sein, die sich erheben werden, sondern alle Ottomanen ohne Unterschied der Rasse und des Glaubensbekenntnisses. Es mag auch bei uns beschränkte und kurzsichtige Leute geben, die, durch das Gespenst der Konkurrenz auf dem Gebiete des Handels und der Volkswirtschaft erschreckt, sich einer jüdischen Einwanderung widersetzen werden, ohne Rücksicht auf die wahren Interessen des Vaterlandes. Allein die guten. ottomanischen Patrioten werden sich durch solche nichtigen und kleinlichen Befürchtungen nicht beirren lassen, vielmehr werden sie die neuen Ankömmlinge mit offenen Armen aufnehmen, die berufen sind, das türkische Land durch ihre emsige Arbeit fruchtbar zu machen. Die wirklichen Jungtürken, vorausgesetzt, daß sie über unsere Aspirationen richtig informiert sind, werden uns ihre Mithilfe nicht versagen. Frei von allen Vorurteilen, beseelt vom Geiste der Duldsamkeit, ehrlich bekümmert um das Gedeihen des von ihnen wiedereroberten Landes, werden sie in jedem Juden, der ihre Gastfreundschaft in Anspruch nimmt, ein Element des Reichtums, einen tätigen Sendboten der Zivilisation erblicken. 18*