Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 274)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 274 — Wenn ich in dieser Einwanderung den geringsten Nachteil für die Türkei erblicken könnte, so würde ich, der ich die Interessen meines Vaterlandes über alle andern Interessen setze, sprechen: Meine Brüder, ich nehme von ganzem Herzen Anteil an euren Schmerzen und will gern eure Bemühungen unterstützen, aber — kommt, nicht zu uns. Laßt uns gemeinsam anderwärts eine Zuflucht für unsere bedrückten Volksgenossen suchen. Allein, dies ist durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil, als Ottomane betrachte ich es als meine Pflicht, die Tausende meiner Brüder, die nichts anderes als eine ruhige Stätte für ihre friedliche Arbeit suchen, zur Einwanderung in mein Vaterland einzuladen. Unser so geräumiges und so fruchtbares Land braucht nichts als emsige Arbeiter, kraftvolle Arme, denen es die unermeßlichen Schätze anvertrauen könnte, welche unser Boden in seinem Schöße birgt. Wir brauchen Millionen Einwanderer, um unsere unbevölkerten Gebiete zu besiedeln, unsere unbebauten Ländereien urbar zu machen. Die Juden sind für die Türkei das ideale Menschenmaterial. Im Gegensatz zu manchen andern Elementen sind sie fähig, sich von allen nationalen Vorurteilen frei zu machen, um treue Bürger, aufrichtige Patrioten zu werden. Sie können als Gegengewicht gegenüber gewissen Elementen der Zwietracht und des Umsturzes dienen, die bei uns um sich greifen. Kein anderes Volk wie das jüdische kann sich so leicht den Lebensbedingungen, den Empfindungen und Bestrebungen der wirklichen Ottomanen anpassen. Und die einwandernden Juden werden auch, indem sie das Land durch ihre Tätigkeit neu beleben, gleichzeitig die Saat des Fortschritts ausstreuen, getreu der zivilisatorischen Mission, die dem jüdischen Volke von alters her eigen ist. Es ist möglich, daß diejenigen, die die jüdische Volksseele nicht kennen, von Unruhe erfüllt werden angesichts des Wiedererwachens unseres nationalen Bewußtseins, und daß sie den zukünftigen jüdischen Einwanderern separatistische Tendenzen zumuten. Alle diejenigen aber, die den wahren Charakter des Juden kennen, werden diese pessimistischen Befürchtungen in keiner Weise teilen. Die jüdische Brüderlichkeit hat den bürgerlichen Pflichten der Juden niemals Eintrag getan. Wäre dies der Fall, so müßte man alle deutschen, französischen und englischen Juden, die für die Leiden ihrer verfolgten Brüder warmes Mitgefühl hegen und nach Kräften beflissen sind, deren Los zu verbessern, als Verräter gegen ihr Vaterland ansehen, kraft der bloßen Tatsache, daß sie die jüdische Solidarität pflegen, die jüdische Brüderlichkeit betätigen. Die Geschichte lehrt uns jedoch, daß die jüdische Solidarität von den Angehörigen des jüdischen Volkes niemals etwas anderes forderte, als die gegenseitige Beihilfe, um den zerstreuten Gliedern der Jakobsfamilie nach Möglichkeit ein ruhiges Dasein und Wohlergehen zu sichern. Der Jude, der ja allgemein als ein Mensch gilt, der