Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 271 (sequence 271)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 271 — um das Volk gegen die Ansiedlung unserer Brüder aufzustacheln. Sollten wir für immer dazu verurteilt sein, auf völlige Ruhe und Sicherheit verzichten zu müssen und uns mit einer relativen Sicherheit zu begnügen? Unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart scheinen dies zu bekräftigen. Es bleibt uns also nichts übrig, als uns jener relativen Sicherheit anzupassen. Dieser Grundsatz muß uns auch als Ausgangspunkt dienen bei der Untersuchung der Frage einer jüdischen Einwanderung in die Türkei. Wenn also auch, nicht anzunehmen ist, daß der Antisemitismus in unserm Lande stets unbekannt bleiben wird, so ist es doch ziemlich sicher, daß er niemals einen allgemeinen und dauerhaften Charakter wird erlangen können. Von Zeit zu Zeit wird er vielleicht in einzelnen Teilen des Reiches aufflammen, um alsbald wie ein Strohfeuer zu verglimmen. Wie ein hervorragender moderner Denker nachgewiesen hat, ist der Antisemitismus eine sehr natürliche psychologische Erscheinung; er ist die Reaktion der Mehrheit gegen die Minderheit, der sie alle Übelstände und alle Missetaten in die Schuhe schiebt. Wenn die jüdische Minorität in allen Ländern durch die bloße Tatsache ihrer zahlenmäßigen Schwäche zu leiden hat. so fällt dies bei uns aus dem einfachen Grunde fort, weil es in der Türkei eine nationale Mehrheit nicht gibt. Zwanzig verschiedene Nationalitäten bewohnen das Reich. Keine erhebt sich durch ihre numerische Überlegenheit merklich über die andere. Die Reaktion der Majorität gegen eine Minorität ist also nicht zu befürchten. Das türkische oder, besser gesagt, moslemische Element, das als das herrschende angesehen werden kann, ist vor der antisemitischen Seuche ziemlich geschützt, da es sich im großen und ganzen nicht mit dem Handel befaßt. Seine Interessen kollidieren nirgends mit denen der Juden. Außerdem gibt es, wie wir bereits ausgeführt haben, zahlreiche Berührungspunkte und verwandte Wesenszüge zwischen den Muselmanen und Israeliten. Nichts trennt sie feindlich; wohl aber gibt es eine Menge Dinge, die eine Annäherung zwischen ihnen bewirken und sie gegenseitig zu Brüdern und Gesinnungsgenossen machen. Sollten von Zeit zu Zeit in der Türkei wirtschaftliche Streitigkeiten ausbrechen und zu einem nationalen Kampfe ausarten, so werden sie niemals die Reaktion der Mehrheit gegen die Minderheit darstellen, vielmehr werden sie im Grunde stets reine wirtschaftliche Kämpfe bleiben und auf die politischen und gesellschaftlichen Beziehungen der einzelnen Völkerschaften keinen Einfluß ausüben. Im öffentlichen Leben und in der Gesellschaft, wird der Jude, wenn ein Bevölkerungsteil gegen ihn mit den Waffen des Antisemitismus ankämpfen sollte, von den andern Nationalitäten, die seine Bundesgenossenschaft suchen, auf das nachdrücklichste in Schutz genommen werden. Auf diese Weise werden sich die Kämpfe mit gleichen Waffen, unter gleichen Bedingungen und bei gleichen Chancen