Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 268 (sequence 268)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 268 — werden, gibt es eine, die die Aufmerksamkeit der ottomanischen Vaterlandsfreunde, insbesondere aber der ottomanischen Juden, sehr lebhaft in Anspruch nimmt. Sie ist für Tausende unglücklicher Juden von überaus großer Wichtigkeit, und auch ihre Bedeutung für das ottomanische Reich darf nicht unterschätzt werden. Ich trete hier an diese Frage in meiner Doppeleigenschaft als ottomanischer Jude heran, an die Frage, die für die Juden der ganzen Welt recht einfach erscheint, die aber für die ottomanischen Juden überaus kompliziert ist; denn wir müssen sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten: vom ottomanischen und vom jüdischen Gesichtspunkte. Die ottomanische Judenheit hätte sich hierüber schon längst geäußert und sich mit diesem Problem sehr eingehend befaßt, w enn das neue Regime uns nicht in einem Zustande der vollendeten Desorganisation gefunden hätte. Ich erhebe also keinen Anspruch, Ihnen hier ein Spiegelbild der öffentlichen Meinung der ottomanischen Judenheit zu geben, denn es gibt heute noch keine derartige öffentliche Meinung. Ich werde mich darauf beschränken, unsere persönliche Meinung auszusprechen, die von einem großen Teil unserer Mitbürger geteilt wird. Die Frage der Einwanderung von Juden in die Türkei wurde unmittelbar nach der Julirevolution aufs Tapet gebracht. Die Begeisterung und der Überschwang, die damals herrschten, die Freudenstimmung, in die wir durch unsere plötzliche Befreiung versetzt wurden, brachten es mit sich, daß wir die Hoffnung nährten, die konstitutionelle Türkei recht bald in ein gesichertes Asyl für unsere verfolgten Brüder verwandelt zu sehen. Die Türkei, das einzige Land, das von der Plage .des Antisemitismus verschont geblieben ist, erschien uns als das neuzeitliche Kanaan, als das gelobte Land für die heutigen Israeliten, die die modernen Länder Mizraim, die -Stätten der Knechtschaft und der Trübsal verlassen. Wir stellten uns vor, daß Tausende Juden kommen würden, um unsere Einöden in froher Arbeit mit dem Schweiße ihres Angesichts zu netzen, anstatt wie bisher die Steppen und Eiswüsten Sibiriens mit ihrem Blute zu tränken. Der Plan schien uns der Verwirklichung sehr nahe gerückt, —auf dem geraden Wege der schönen Träume. Die Fieberstimmung und die naive Zuversicht jener Zeit der politischen Befreiung hinderte uns, die Wirklichkeit klar zu sehen. Später fingen wir an, die Vorteile und Nachteile einer Auswanderung der russischen, rumänischen und sonstigen Juden in die gastliche Türkei deutlicher zu unterscheiden. Gegenwärtig ist es sehr wohl möglich, — obgleich die Lage in unserm Vaterlande noch wenig geklärt ist, — an die Untersuchung dieses Problems mit einer gewissen kritischen Strenge heranzutreten; wir können es mit einer genügenden Kenntnis der Bestandteile, aus denen es sich zusammensetzt, studieren. ■