Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 209)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 209 — der wichtigsten Kapitel, und diesbezüglich, müssen wir unsern Standpunkt klar präzisieren und feststellen,- daß nicht, alles Kultur ist, was Kultur genannt wird. Bei der kulturellen Arbeit muß Rücksicht genommen werden auf die jüdische Geschichte, auf den jüdischen Charakter, auf die jüdische Gesinnung, auf die jüdischen Empfindungen, auf die jüdischen Ideale und auf die jüdische Auffassung. Kulturarbeiten, die damit irgendwie in Widerspruch stellen, müssen wir entweder mit der größten Vorsicht anwenden, oder sie überhaupt perhorreszieren. Es ist ein Irrtum, und es entspricht weder den Tatsachen noch der Gerechtigkeit, wenn man bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit den Misrachisten immer nachsagt, daß sie kulturfeindlich wären, oder daß die Misrachisten nicht den richtigen Zionismus erfaßt hätten, weil sie in bezug auf die Religiosität gewisse Forderungen stellen, und weil sie ihre Religion nicht preisgeben wollen den Anfeindungen und Bekämpfungen und Schmähungen. Weil sie für ihre religiöse Überzeugung und für ihre religiösen Interessen eintreten, deshalb sind sie durchaus nicht kulturfeindlich und bildungsfeindlich. Das entspricht nur den jüdischen Interessen. Dafür einzutreten, halten die Misrachisten für ihre Pflicht. Daß wir nicht kulturfeindlich sind, haben wir dadurch bewiesen, daß unsere erste Tat, obwohl wir noch nicht lange in der Bewegung organisiert sind und auch nicht viele Mittel zur Verfügung haben, die Gründung einer Schule in Palästina, war. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Diese Schule in Palästina ist den dortigen Verhältnissen am besten angepaßt und ist geeignet, uns nicht nur die Sympathien der Bevölkerimg zuzuführen, sondern auch die Gegnerschaft der bildungsscheuen oder bildungsfeindlichen Elemente zu mildern. Das wird auch die Zukunft lehren, und das ist ein wesentliches Moment, das ich Ihnen ans Herz lege und das der Kongreß berücksichtigen möge: Es nützt uns nichts, eine Menge von Anstalten zu errichten, wenn wrir nicht auch das Vertrauen der Bevölkerung besitzen. Wenn sie nicht ihre Kinder uns anvertraut, nützt es nichts, wenn wir dort Anstalten errichten. Es nützt nichts, wenn dort Elemente erzogen werden, die nicht für Palästina geeignet sind. Dazu haben wir in Europa viel billigere Anstalten, und brauchen die Kinder nicht hinauszuschicken. Wir müssen die Kinder so ausbilden, daß sie sich für Palästina eignen, und daß sie der Bevölkerung in Palästina Intelligenz und Harmonie bringen und ihnen die Kultur zugänglich machen. Andernfalls laufen wir Gefahr, nur Gegensätze zu schaffen, die der palästinensischen Bevölkerung nicht zum Segen gereichen. Wenn wir Kultur verbreiten wollen, müssen . wir sie den Verhältnissen anpassen. Ich freue mich, heute konstatieren zu können, daß das Verhältnis zwischen den Misrachisten und Zionisten eine Besserung und Gesundung erfahren hat. (Beifall und Händeklatschen.) Es besteht heute keine Differenz mehr, sondern volle Harmonie. (Erneuter lebhafter Beifall.) Ich spreche dieses Wort nicht zu Ihnen allein im Kongreß, sondern, nachdem Sie die Vertreter des jüdischen Volkes sind, können Sie auch zu Hause erklären, daß wir von dieser Stelle konstatieren konnten, daß wir von heute an gar keinen Grund haben, gegen den Zionismus etwas zu sagen, weil nichts mehr vorliegt, wo wir Bedenken haben, mit dem Zionismus innig zusammenzugehen und alle Juden der Welt, die frömmsten und religiösesten, aufzufordern, für die gemeinsamen Arbeiten einzutreten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wenn ich dieses Verhältnis heute konstatiere, gebe ich der Hoffnung Ausdruck, daß es uns ermöglicht werde, auch fernerhin gemeinschaftlich zu arbeiten. Unser lebhaftester Wunsch ist es7 jede Differenz zu verhüten und zu vermeiden. Unser lebhafter Wunsch ist es, daß alle Juden unter dem zionistischen Banner gemeinsam wirken sollen. Aber auf eins mache ich Sie aufmerksam, und das soll weder eine Drohung noch eine Herausforderung sein, sondern ein freundschaftlich warnendes Wort, damit die Differenzen vermieden werden, und Handlungen, welche etwa nicht nur uns abstoßen, — auf uns allein kommt es nicht an, — sondern jene großen Massen, die draußen sind, die wir gewinnen wollen. Mit Rücksicht auf diese, 14