Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 111)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 111 — russischen und westlichen Zionisten neuen Zwist zu säen suchte . . . Wir hatten ein Zentrum, wir hatten eine Stelle, an die wir uns wenden konnten. Wie oft in frühem Zeiten, erinnere ich mich, habe ich in wichtigen Angelegenheiten Briefe und Depeschen gewechselt; wir fühlten, wir haben eine Leitung, eine Direktive. Seit Herzl gestorben ist, haben wir nichts, es besteht überhaupt kein Zusammenhang zwischen dem E. A. C. und den Mitgliedern des Großen A. C. Jedes Land arbeitet, so wie es ihm gefällt Herr Wolff söhn stört nicht, das E. A. C. stört nicht, aber es kümmert sich auch darum gar nicht. (Zustimmung.) Es ist heute wieder die Beschuldigung aufgetaucht, daß wir die Leitung nicht genau informieren und nicht genügend unterstützen. Teilweise ist es richtig. Aber wieso ist dies gekommen? Weil der Puls der Zentrale auf der Peripherie allmählich zu schlagen aufgehört hat. Wissen Sie, was die Folge ist? Daß, wTenn das E. A. C. mit einer Initiative schon mal hervortritt, es keinen Anklang findet. Es hat keine Autorität mehr. (Präsident Wolf f söhn: Sehr richtig, die untergraben Sie!) 0 nein, wenn man uns vorwirft, daß wir die Autorität des A.-C. untergraben, muß ich dies entschieden zurückweisen. Nicht wir haben die Drähte abgeschnitten, sondern es hat sich allmählich das Gefühl eingestellt, daß überhaupt kein Draht mehr existiert. Unlängst habe ich diese Frage mit einem angesehenen galizischen Zionisten berührt. Und der hat mir gesagt: Wir sind im Laude bei uns zur Uberzeugung gekommen: Wozu eigentlich brauchen wir eine Leitung? Ist es nicht wirklich besser, daß jedes Land nach eigenem Ermessen arbeitet, wie es versteht? Die örtlichen Verhältnisse sind ihm doch besser bekannt. Wir haben keine Leitung und so ist es auch besser. So weit ist es bei uns in den letzten Jahren gekommen, meine Herren! Ich habe Ihnen geschildert, welche Erbschaft wir übernommen haben und Avas die Leitung in diesen 4x/2 Jahren geleistet hat. Resümieren wir: In der Politik nichts oder fast nichts. In der Kulturarbeit nichts oder fast nichts, in der praktischen Arbeit in Palästina nichts oder last nichts, und schließlich in der Organisation, die, wie es scheint, die einzige Aufgabe unserer Leitung war, sind wir mehr als auf die Hälfte zusammengeschrumpft. So sieht nach fünf Jahren, seitdem Sie die Leitung übernommen haben, die Bilanz aus. Vizepräsident Dr. Bodenheimer (unterbrechend): Ich mache den Redner darauf aufmerksam, daß er noch fünf Minuten zur Verfügung hat. (Rufe Weiterreden!) Delegierter Dr. Tschlenow (fortfahrend): Meine Damen und Herren! Fünf Minuten habe ich noch, aber Ihre Gnade werde ich weiter nach den fünf Minuten brauchen. Ich bitte, mich aufmerksam und geduldig anzuhören. Das ist also unsere Bilanz nach fünf Jahren. Ich wrollte sie nicht offen machen. Man hat sie aber hier in einer andern Farbe darzustellen versucht. Es hilft nichts. Wir müssen darum die Bilanz offen auflegen. (Präsident Wolffsohn: Sehr richtig!) So ging es bei uns bei gewöhnlichen Verhältnissen. Es gibt aber im Leben außerordentliche Verhältnisse. Man sagt: Der große Moment kann gewöhnliche Leute auf eine höhere Stufe bringen, und als einen solchen