Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 106)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 106 vielleicht der jüdische Golus. Fassen Sie die Kritik nicht als Rebellion auf. Suchen Sie eine bessere Konjunktur zu finden, schauen Sie, daß das Zentruni verlegt werde; ideal würde es sein, wenn es nach Osten verschoben würde, wenn es nach Wilna käme. (Heiterkeit). Aber das ist leider unmöglich. Man sagt, Köln ist katholisch. Das ist mir sehr gleichgültig. Aber es ist kein Milieu, dort ist keine Inspiration. Berlin bezitzt die größte jüdische Intelligenz. Wir müssen diese zu gewinnen versuchen, in diesem Milieu arbeitet man besser. Verstecken Sie sich nicht in einen Winkel; Sie haben eine große Bewegung, diese darf nicht krämerisch angefaßt werden. Sie ist eine große nationale Bewegung, die gehört nach Berlin mit seiner großen Gemeinde, mit seinem intellektuellen Zentrum. (Stürmischer, langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Delegierter Dr. Rappaport (Lemberg): Sehr geehrter Kongreß! Wir befinden uns jetzt in einem beschämenden Momente. Wir sind von aller Welt hergekommen, um Reden zu hören, Vorschläge zu machen und zu empfangen, aber nicht um bloß zu reden, sondern im Sinne der Tat Reden pro und contra zu halten. Leider sind wir heute in die Lage gekommen, zwar Reden pro und contra halten, aber nicht im Interesse einer positiven Sache, sondern im Interesse einer Zänkerei, einer Null, wodurch nur Schlechtes dem Zionismus erwachse kann. (Zustimmung.) Ich bin in der sehr schwierigen Situation, als Proredner hier aufzutreten. Ich bemerke aber zugleich, daß ich der letzte bin, der die Tätigkeit des E. A. C. für befriedigend hält, daß ich der letzte bin, der anerkennt, daß man genug getan oder soviel getan hat, als man hätte tun können. Aber ich bin auch, der letzte, der seine Hand dazu bieten wird, daß man das Kind mit dem Bade ausschüttet, daß man zugleich mit der Bekämpfung des Präsidenten Wolffsohn und des E. A. C. den Kongreß sprengt, und daß man an die Stelle eines Etwas, eines Positivums, ein Ding stellt, das wir heute nicht kennen. Es wurde uns gesagt, Herr Wolffsohn sei schlecht, Herr Wolffsohn habe nichts getan. Nun gut. Man möge sagen, er habe nichts getan. Trägt er denn die Schuld daran? Haben denn alle mitgearbeitet, die mitarbeiten konnten? Haben sich die Herren alle bei ihm gemeldet und gesagt: heute sind Umwälzungen in der Türkei vorgekommen, es ist an der Zeit, mit großen Aufgaben in Palästina zu heginnen, wir wollen mitarbeiten? Haben Sie wirklich große Vorschläge gebracht? Diese kleinen Vorwürfe sind wirklich so klein, daß es wirklich nicht der Mühe verlohnt, darüber Zeit zu verlieren. Man ist hergekommen, und seit gestern sehen und hören wir nur Steine werfen. Wenn wir nur hierher gekommen sind und Steine mitgenommen haben, sollen es Steine des Bauens sein, aber nicht des Zerstörens. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Wir sind nicht hierhergekommen, umniederzureißen, sondern um zu bauen. Bis heute habe ich nichts Positives gehört, sondern nur Negatives, Beschimpfungen und weiter nichts. (Erneuter lebhafterBeifall.)Das widerspricht der Würde des Kongresses. Die Zeiten sind vorüber, wo auf den Kongressen nur zum Fenster hinausgesprochen wurde. Wir sprechen heute zu uns, aber unwillkürlich auch zum Fenster hinaus. Unsern Worten lauscht man an allen Ecken und Enden der Welt. Ich will Wolffsohn nicht schmeicheln. Aber mit dem Namen Wolffsohn ist die Ehre des ganzen