Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 46)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 46 — Dr. Nordau zurückgegriffen worden. Herr Dr. Nordau saß nicht in der Leitung, und wir haben uns eigentlich nur an die Leitung zu halten. Wenn ich aber trotzdem auch ein Wort aus dieser ßede herausgreife, tue ich es nur deswegen, weil ich das Gefühl habe, daß Herr Dr. Nordau in seiner prägnanten Art das Wort geprägt hat, das tatsächlich für unsere Leitung bezeichnend ist. Herr Dr. Nordau sagte: Will man in Palästina arbeiten, mag man dort arbeiten. Man mag arbeiten, meine Verehrten, jst viel zu wenig für eine Leitung. Die Leitung soll arbeiten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Verehrter Kongreß! Es scheint bei den-Herren unserer Leitung ein großer Irrtum zu bestehen. Die Herren scheinen zu meinen, daß die Parteileitung ein Amt sei. Das ist aber nicht der Fall. Eine Parteileitung muß eine Meinung haben und nicht ein Amt vorstellen. (Zustimmung.) Dadurch ist die Tätigkeit der Parteileitung noch lange nicht erschöpft, daß sie die Aktenstücke des täglichen Einlaufes erledigt. Ich leugne nicht, ich halte sehr viel von dieser expeditiven Art der Arbeit, wie sie in Köln geleistet wird. Sie ist aller Anerkennung wert. Aber wenn ein Schriftstück aus Köln in die Provinz geflogen kommt, muß es Geist haben. Es muß etwas sagen. Es geht nicht an, daß man sagt, die Parteileitung ist ein Echo, ein Schalltrichter der Partei. Das ist die Parteileitung gewiß nicht. Die Parteileitung, die alles kennt und alles weis, muß uns belehren. Gesetzt, wir hätten mehr Verstand als die Parteileitung, so hätten wir doch nicht das Tatsachenmaterial so zur Verfügung, wie es die Parteileitung besitzt. Die Parteileitung muß daher zu uns kommen und muß sagen, so steht die Sache. Wird aber etwas Ersprießliches von andern getan, dann soll die Parteileitung alle Energie daran setzen, daß es zu einem Ende kommt. Es ist in der letzten Zeit vielerlei gar nicht zu Ende gekommen. Meine Verehrten! Eine Sache, die lange, lange schon auf dem Kongresse gar nicht berührt wurde, ist die Kulturfrage. (Hört, hört!) Früher in alten Zeiten hatte man dafür wenigstens ein kleines Winkelchen reserviert gehalten und in weihevoller Stimmung pflegte man die Sache wie etwas Heiliges abzuhandeln. Heute ist auch das geschwunden. Aber wie wichtig ist gerade diese Arbeit! Es wächst bei uns in kultureller Beziehung sehr viel, mehr als auf allen andern Gebieten. Unsere hebräische Sprache und das hebräische Schrifttum haben Keime getrieben, die großartig sind und einen herrlichen Morgen verkünden. Aber das wächst alles aus sich selbst, es handelt sich aber darum, daß es auch gepflegt wird, und zwar von oben. Wenn Sie unsere Berichte ansehen, werden Sie viel finden, was geschehen ist, aber wenig von dem, was getan wurde. Wenn es bei uns heißt, es soll Arbeit in Palästina getrieben werden, so sagt man uns, es sei eine Redensart; man sagt uns ironisch, die sonderbaren Schwärmer unter uns wären verzweifelt gewesen, als das Kölner Bureau nicht sofort für die Jungtürken in Aktion getreten ist. Gewiß haben wir eine große Hoffnung an die jungtürkische Bewegung geknüpft. Bedenken Sie: Wenn man eine Zeitlang in der Wüste ist und eine Fata Morgana ein bißchen Wasser vorspiegelt, so fällt man natürlich sofort darauf. Sie dürfen uns aber nicht für Schwärmer halten. Gewiß, als eine Hoffnung sich zeigte, fielen wir darauf los (Zuruf: aber politisch war es nicht). Ich erhebe ja keinen Vorwurf, daß die Parteileitung diese Situation nicht ausgenützt hat. Ich bin überzeugt, daß sie es getan hätte, wenn sie es gekonnt hätte; ich weise es nur zurück, daß man das „Himmelhoch-Jauchzen" ironisiert hat, welches sich nach dem Umschwung in der Türkei bei uns gezeigt hat. Ein solches Ereignis in der Türkei ist für den Zionisten nicht ein äußeres, sondern ein inneres Ereignis. Uns interessiert alles, was dort vorgeht. Worüber wir uns aber alle freuen müssen, das ist, daß Dr. Pasmanik vereinzelt geblieben ist in der ganzen jüdischen Publizistik mit seinem fürchterlichen Vorschlage, das Baseler Programm zu ändern. Dieses ist in Erz gegossen, und niemand wird es uns zerstören. (Lebhafter Beifall.)