Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 9 (1910) Hamburg, 26. bis 30. Dezember 1909
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 44)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 44 — palästinensischen Arbeiterschaft. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die hätten Sie begrüßen sollen, denn in den Vertretern der palästinensischen Arbeiterschaft finden wir tatsächlich, was Professor Kellner betont hat, den Jungen Nachwuchs. Wissen Sie aber, was der Unterschied ist? Dieser junge Nachwuchs spricht wenig, unter dieser Jugend befinden sich aufopferungsvolle Leute, die die Universitätsbänke verlassen und ihr Diplom , in die Tasche gesteckt haben, um als einfache Arbeiter in Palästina zionistische Ideale zu verwirklichen. Wir haben vollständig das Recht, die Leitung zu kritisieren; ich ziehe aber daraus nicht den Schluß, alles wäre gut, wenn nur die Leitung gut wäre. Dies ist ein Trugschluß; die Schuld liegt auch an uns insofern, als wir selbst den Zionismus in den letzten Jahren vernachlässigt haben. Die Seele ist verflogen, wir haben ein Bureau, wir haben gut verwaltete Finanzen, aber die Seele fehlt, und deshalb geht alles so schrecklich schwer, und dies hängt nicht nur von der Leitung, sondern auch von uns ab, und wenn Sie wirklich volle Zionisten wären, so würden Sie die Resolution, die ich Ihnen vorschlage, nicht, wie ich überzeugt bin, mit Lachen, sondern mit Ernst aufnehmen. Diese Resolution lautet: „Alle bewußten Zionisten verpflichten sich moralisch, innerhalb der nächsten fünf resp. zehn Jahre mit Zustimmung der türkischen Regierung nach Palästina auszuwandern." Das wäre zionistisch. (Beifall einerseits, Gelächter anderseits, große Unruhe.) Präsident Dr. Nordau: Ich mache aufmerksam, daß ich Redner, die die Tagesordnung' unterbrechen, nicht zulassen werde. Auch Herrn Greenberg erteile ich das Wort auf 5 Minuten. Del. Greenberg ' (spricht englisch). Präsident . Dr. Nordau (übersetzend): Mr. G-reenberg beantragt, da bereits jetzt zu diesem Punkte der Tagesordnung 50 Redner eingeschrieben sind, daß die Redezeit jedes Redners auf 10 Minuten beschränkt werde. Eine Debatte werde ich nicht eröffnen. Wir wollen einfach darüber abstimmen. (Zwischenrufe und Unruhe. Ruf: Ich stelle einen Gegenantrag.) Das ist ein Irrtum; ich allein bin mit der Handhabung der Ordnung unserer Sitzungen beauftragt. In solchen Fragen liegt die Entscheidung in der Hand des jeweiligen Vorsitzenden. Das darf man einem Manne, der mit parlamentai-ischen Bräuchen seit 40 Jahren vertraut ist, glauben. Wer es besser weiß, wird mir später ein Privatissimum darüber lesen. Einstweilen gebrauche ich die mir von Ihnen übertragene Autorität, um nach meiner Uberzeugung zu urteilen. Diejenigen Delegierten, die dafür sind, daß die Redezeit a.uf 10 Minuten beschränkt sei, wollen die Hand erheben. (Geschieht.) Diejenigen Delegierten, die die Beschränkung der Redezeit nicht wünschen, wollen die Hand erheben. (Geschieht.) Der Antrag des Herrn Greenberg ist angenommen. Infolgedessen werden die folgenden Redner bloß 10 Minuten Redezeit haben. Del. Dr. Thon (Krakau): Hochverehrter Kongreß! Ich will die Bemerkung vorweg nehmen, daß ich auf dem Haben-Konto des heute verlesenen und uns gedruckt vorliegenden Generalberichtes des E. A. C. wohl sehr nennenswerte positive Werte finde. Ich will es von vornherein gestehen, es ist doch etwas in den Jahren geschehen, seitdem wir verwaist sind. Es ist dies um so mehr anzuerkennen, als wir doch immerhin bedenken müssen, in welcher Situation uns der Einzige gelassen hat. Wie er uns so rasch abberufen wurde, da waren wir tatsächlich ein Schiff ohne den Steuermann, der alles allein in der Hand hielt, weil er eine feste Hand hatte. Auf einmal verließ er das Steuer und wir mußten weiter schwimmen. Dabei bedenken Sie noch eins. In dem großen Judenmeere in Rußland schlugen die Wellen immer höher, und es drohte jedem einzelnen Juden die Gefahr, in dem Meere zu versinken, sei es, daß sie in der Revolution untergingen, sei es, daß sie bei den Pogromen ums Leben kamen, sei es, daß sie eingeschüchtert